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Auch in Deutschland beginnt die ATTAC-Bewegung Fuß zu fassen. Über
80 Regionalgruppen sind im Laufe des letzten Jahres überall in Deutschland
aus dem Boden geschossen. Gewerkschafter, christliche Gruppierungen, Altlinke,
enttäuschte Grüne, Kulturschaffende und sogar namhafte Politiker
sind in ihren Reihen zu sichten. In zahlreichen Veranstaltungen beklagen die
Leute von ATTAC die negativen Auswirkungen der "Globalisierung"
für die Menschen nicht nur in den Ländern der Dritten Welt sondern
auch in den Metropolen.
Die im Juni 1998 in Frankreich unter Federführung von "Le Monde
diplomatique" gegründete Initiative verstand sich als Reaktion auf
die zerstörerischen Wirkungen der Finanzmärkte wenige Monate zuvor
in Asien, die einen ganzen Wirtschaftsraum inklusive menschlichen Materials
von einem auf den anderen Tag in die Katastrophe schliddern ließen.
Die Initiatoren hatten auch sofort ein Rezept an der Hand, das zukünftig
derartige Krisen verhindern sollte, und verewigten dieses in ihrem Namen:
"Action pour une Taxe Tobin d'aide aux citoyens", kurz "ATTAC",
und auf gut deutsch: "Aktion für die Einführung der Tobin-Steuer
zum Wohle der Bürger".
Mit der Anti-Spekulationssteuer, die der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler
James Tobin schon 1972 vorgeschlagen hatte, von ca. 1% auf alle Devisengeschäfte
soll der internationale Finanzmarkt gebändigt werden, wobei die Einnahmen
den Entwicklungsländern zu Gute kommen.
Dabei versteht sich die ATTAC-Bewegung nicht als "Globalisierungsgegner",
sondern möchte der Weltwirtschaft Zügel anlegen und sie im Sinne
der Menschheit steuern.
Am 18. Februar trafen sich im Linken Zentrum (Düsseldorf) ca. 40
interessierte Zuhörer, die den Ausführungen von zwei Attac-Angehörigen
lauschten und anschließend auch mit der Kritik nicht sparsam umgingen.
Eine frisch von der Politik infizierte Studentin referierte über die
Ziele der Bewegung, und der abgeklärte linke Gewerkschaftsvertreter versuchte
den Zusammenhang zwischen einer fortschrittlichen Gewerkschaftsbewegung und
der Globalisierungskritik darzustellen.
Obwohl das Publikum die Beiträge wohlwollend zur Kenntnis nahm, wurden
dennoch einige kritische Argumente geäußert.
So wurde in erster Linie das von Attac beschriebene Verhältnis von Staat
und Kapital in Frage gestellt. Ist es richtig, den Staat als willenloses Objekt
des internationalen Kapitals zu betrachten? Auch konnte man sich des Eindrucks
nicht erwehren, dass die gute alte soziale Hängematte im Rückblick
auch in den Augen von Linken nicht mehr pure Ideologie ist. Ist vielleicht
die reaktionäre Sehnsucht nach verklärten vergangenen Verhältnissen
das Motiv für die Mitstreiter der Bewegung?
Die Vertreter von Attac waren sehr aufgeschlossen gegenüber den Anmerkungen
aus der linken Ecke, und das lässt spannende Diskussionen auf den von
Attac angekündigten Veranstaltungen Anfang März erwarten.
Hier nun einige (provokative) Thesen aus der NM-Redaktion zur Attac-Bewegung
und deren Verhältnis zu Staat und Kapital.
Thesen zum Gegenstand der Kritik:
Die "Globalisierung"
Um die "Bewegung" adäquat würdigen bzw. kritisieren zu
können, muss man sich zunächst einen Begriff vom Gegenstand der
bewegten Kritik, der "Globalisierung", machen.
1. Wenn die Vertreter der führenden, miteinander konkurrierenden Weltwirtschaftsmächte
zu ihren turnusmäßigen Treffen zusammenkommen, legen sie fest,
wie sie in Zukunft miteinander und gegeneinander arbeiten wollen. Sie regeln
den Zugang zu Märkten, die Modalitäten zur Öffnung von Märkten,
wie der internationale Finanzverkehr laufen soll etc. Sie bestimmen also die
Voraussetzungen, die die Kapitalisten für ihr weltweites gewinnträchtige
Handeln benötigen.
2. Im Inland selbst richten die Damen und Herren aus der Politik ihren Laden
so ein, dass er für das Kapital unwiderstehliche Anlageplätze bietet.
Sie fördern mit ihrer Kreditmacht die Großunternehmer, damit sie
sich zu international schlagkräftigen Konzernen entwickeln.
3. Die Herrichtung der Nation als potentieller Sieger in der internationalen
Konkurrenz bedarf der haarscharfen Kalkulation. Unproduktive Kosten müssen
gestrichen werden, aber die Produktivität der Arbeit wird erhöht.
Das führt zu den bekannten Einschnitten in das System der "sozialen
Sicherheit" und der Verarmung großer Teile der Bevölkerung.
4. Die Unterwerfung der Welt bis in den letzten Winkel unter das Kriterium
der gewinnträchtigen Benutzbarkeit hat zum Ruin ganzer Weltgegenden geführt.
"Schuldenerlass" bedeutet für die betroffenen Länder keine
Wohltat. Vielmehr wird festgestellt, dass selbst zum Zinsenzahlen sie unbrauchbar
geworden sind.
5. Trotzdem sind diese Länder aus ihrer Verantwortung für die Welt
nicht entlassen. Sie sollen die Geschäftswelt nicht durch unautorisierte
Kriege und Seuchen wie Aids und Malaria stören. Nachdem die führenden
Weltwirtschaftsmächte die bekannten Gegenden in Afrika, Lateinamerika
und Asien ruiniert und abgeschrieben haben, bekommen diese noch ein paar zynische
Tipps, wie sie durch "Hilfe zur Selbsthilfe" Ruhe in ihren Laden
kriegen können.
6. Die Macher der Politik haben die "Globalisierung" selbst in Szene
gesetzt, verkaufen aber ihr Tun als ein Bemühen, die "globalisierte
Ökonomie" in den Griff zu bekommen. Sie reden von den "Herausforderungen
der Globalisierung", denen man sich bei drohender Strafe des eigenen
Untergangs unterwerfen müsse.
7. So wird der Begriff "Globalisierung" zu einer Kampfansage nach
innen und außen. Dem eigenen Volk wird erklärt, dass es in Zukunft
noch einiges mehr auszuhalten hat. Außenpolitisch bedeutet die Förderung
der internationalen Konkurrenz, dass hier mit härteren Bandagen gekämpft
wird und immer mehr Verlierer produziert werden.
Übrigens: Treffend bemerkt Jürgen Elsässer in konkret 9/2001, dass sich hinter dem Begriff "Globalisierung" der altbekannte Imperialismus versteckt.
Die Kritik von ATTAC
Der amerikanische Philosoph Noam Chomsky (Jahrgang 1928), ein Protagonist
der ATTAC-Bewegung, beschreibt in einem Beitrag zur Konferenz "The other
Davos" vom 26.1.2001 seine Ansicht vom Verhältnis Politik und Ökonomie,
wie sie von weiten Teilen der Bewegung geteilt wird: "Es hat ein gewaltiger
Anstieg der spekulativen Kapitalbewegungen stattgefunden, der zum eigentlichen
Charakterzug der Phase der Globalisierung geworden ist. Diese Kapitalflüsse
schränken die politischen Optionen der Regierungen ein, verleihen dem
Finanzkapital ein Vetorecht, unterlaufen die Volkssouveränität in
den demokratischen Regimen und stellen alle fortschrittlichen Wirtschafts-
und Sozialpolitiken in Frage, die der Bevölkerung eher zugute kommen
als den Investoren. Es bildet sich ein Merkantilismus der Konzerne heraus,
eine liberale internationale Ordnung, in der die Entscheide über soziale
und wirtschaftliche politische Fragen immer mehr in den Händen des Privatkapitals
konzentriert sind, das sich durch sehr hohe Machtkonzentrationen auszeichnet,
die Märkte verwaltet und sowohl als Werkzeug wie auch als Tyrann der
Regierungen agiert, um Madisons 200 Jahre alte Beschreibung der Gefahren für
die Demokratie in Erinnerung zu rufen." (http://www.attac-netzwerk.de/archiv/chomskyde.html)
Dagegen setzt ATTAC "die Regulierung der internationalen Finanzmärkte
unter anderem durch Einführung einer Steuer auf internationale Finanztransaktionen
(Tobin-Steuer), die stärkere Besteuerung von Kapital und die Unterbindung
von Steuerflucht. Wir lehnen die von der Bundesregierung vorangetriebene Privatisierung
und Kapitalmarktdeckung der sozialen Sicherung (Rente, Gesundheit) ab. Wir
unterstützen die Forderung nach einem Schuldenerlass für die Entwicklungsländer."
(ATTAC: Wer wir sind und was wir wollen; http://www.attac-netzwerk.de/material/selbst.php)
Staat und Ökonomie
Es mutet schon etwas seltsam an, wenn sich alle Nase lang die Weltwirtschaftsführer
treffen, um über die Modalitäten der Weltwirtschaft zu verhandeln
und zu beschließen - und dann wird diesen Treffen die politische Ohnmacht
attestiert. "Kapitalflüsse" sind eben so flüssig, weil
die Regierungen die Bedingungen geschaffen haben und es genau so haben wollen.
Chomsky und Kollegen konstruieren aber einen Gegensatz zwischen dem demokratischen
Staat, der bislang angeblich dem Wohlergehen all seiner Bürger verpflichtet
war und ist, und dem übertriebenen Egoismus des Privatkapitals. In zweierlei
Hinsicht sind hier die Globalisierungskritiker den amtlichen Ideologen auf
den Leim gegangen: Einerseits halten sie an dem Zerrbild von den vermeintlich
gemütlichen und sicheren Verhältnissen in der vorglobalen Zeit mit
seiner eng gestrickten sozialen Hängematte fest. Andererseits lassen
sie sich blenden von den ideologischen Rechtfertigungen aller staatlichen
Sauereien, die auf die unumgänglichen Sachzwänge verweisen.
Für die Stärkung der Nation!
Als Mittel gegen die Ungerechtigkeiten der Globalisierung setzen die Kritiker
auf die Stärkung des Nationalstaates. Er soll das international vagabundierende
Kapital durch entsprechende protektionistische Maßnahmen an die Kette
legen, um sich dann wieder seiner ursprünglich - von den Globalisierungskritikern
- zugedachten Bestimmung zuzuwenden.*
Dass die Kritiker von ATTAC soviel Zuspruch auch von den Regierenden erhalten,
lässt sie nicht stutzen. Sie sehen darin die Bestätigung ihrer Theorie
vom geknebelten Sozialstaat, der sich am liebsten aus den Fängen des
Kapitals befreien will - aber es (siehe Sachzwänge) nicht kann. Darum
mussten sich die maßgeblich Regierenden der Welt vor kurzem lieber mit
den Wirtschaftsführern beim Weltwirtschaftsforum in New York treffen,
als mit den Globalisierungskritikern in Porto Alegre die Ungerechtigkeiten
der Weltordnung zu bejammern.
Die Regierenden der führenden Wirtschaftsmächte mögen die Bedenkenträger
aus den Reihen von ATTAC. Schließlich befördern sie das heimelige
Bild vom gerechten und fürsorglichen Staat.
Vielleicht sitzt auch der eine oder andere wirklich der selbstgestrickten
Ideologie auf und vermutet, dass das eigene Werk der "Globalisierung"
sich verselbstständigt hat und als böser Fluch zurückkehrt.
So jedenfalls kann man die Berufung Chomskys auf den alten Madison verstehen.
Das eigene Tun und die Einbildung darüber sind eben oft zwei verschiedene
Paar Schuhe!
Tobin-Steuer
Noch ein paar Worte zur Tobin-Tax. Tatsächlich findet die Forderung
nach Einführung der Steuer durchaus Sympathien auch unter Regierungen
und Politikern. Warum sollte man auf ein paar Euro oder Dollar verzichten,
mit denen man den eigenen Kapitalstandort attraktiver machen kann? Vorausgesetzt
natürlich, die anderen machen auch mit und es schadet nicht dem Geschäft!
Es bleibt aber ein frommer Wunsch der Menschenfreunde von ATTAC, die Mehreinnahmen
kämen den armen Schluckern zu Gute.
Dass die ATTAC-Leute bei ihrer Propaganda gegen das spekulative Kapital mächtigen
Zuspruch erfahren, hat übrigens Tradition: Bei rechten und - auch - linken
Kritikern des Kapitalismus. **
Schlusswort
Trotz aller Kritik bringt die Bewegung auch in meinen Augen etwas Positives hervor: Es ist die Erkenntnis von der zentralen Rolle der kapitalistischen Interessen in der Gesellschaft und deren zerstörerischen Kräften. In einem Spiegel-Interview vom 30. Juli vergangenen Jahres erklärt der Führungskader von ATTAC, Sven Giegold: "Am Ende entscheidet über alles die Wirtschaft." Wenn Giegold hier noch ergänzen würde, dass die Interessen der Wirtschaft die maßgeblichen der Gesellschaft sind, dann läge er fast richtig.
*Wenn da nicht mal die ATTAC-Leute Zuspruch von einer Seite erfahren, mit der sie bestimmt nichts zu tun haben wollen!
**Auch die Trennung von spekulativem (schlecht) und produktivem Kapital
(gut) kommt bei den Rechten prima an:"Die täglichen Devisenumsätze
auf den Weltkapitalmärkten sind von ca. 80 Mrd. US-Dollar im Jahr 1980
auf rund 1,5 Billionen US-Dollar pro Börsentag angewachsen. Rund 97%
dieses Betrags dienen nicht mehr produktiven, sondern rein spekulativen Zwecken,
und haben sich damit weitgehend von ihrer primären Funktion - der Finanzierung
von Investitionen und Handel mit Waren und Dienstleistungen - entfernt."
Diskussionspapier zum ersten Ratschlag am 22.1.2000 Regulierung der internationalen
Finanzmärkte für eine sozial gerechte und ökologisch tragfähige
Entwicklung Von Anja Osterhaus (Kairos Europa) und Peter Waldow (WEED) (http://www.attac-netzwerk.de/archiv/0001finanzmaerkte.php)
Angeblich dient das produktive Kapital der Beförderung und dem Wachstum
der Ökonomie bzw. der sachlichen Werte, die letztendlich zu einer besseren
Versorgung der Bevölkerung führen. Hingegen hat sich das spekulative
Kapital von seiner Basis, der Gebrauchswerteproduktion, gelöst. Dabei
ist das Kapital ziemlich gleichgültig gegenüber seinem Einsatzort.
In jedem Falle hat es nur einen Zweck, und zwar den der Geldvermehrung: Ob
das nun bei der Produktion von Schuhwerk oder Panzern bzw. beim Kauf und Verkauf
von Devisen passiert - es kommt immer nur auf die Differenz von g zu g' an.
(Marx). Wenn die Differenz zwischen g und g' uninteressant klein ist, werden
auch mal gehörige Warenmengen vernichtet oder ganze Wirtschaftsräume
geschlossen. Der Zweck kapitalistischen Produzierens ist - wie und wo es auch
stattfindet - nie die Versorgung der Bevölkerung.
(Zur Kritik siehe auch: http://www.jungle-world.com/Texte/patrioten.htm)
Lesetipps:
- Der Gipfel von Genua. Die politische Agenda des Imperialismus, ihre verlogene
Präsentation und ihre Kritik durch militante Ignoranz. In Gegenstandpunkt
3-01, München 2001(Auch unter: http://www.gegenstandpunkt.com/gs/01/3/genua-x.htm)
- Peter Decker: Seattle, Melbourne, Prag: Global action gegen das Phantom
"Globalisierung" (http://destruktiv.placerouge.org/texte/konkret/pga_kritik.htm
- Auch unter dem Titel "Das Gutsein der Guten" veröffentlicht
in konkret 2/2001)
- Anton Landgraf: Moderne Patrioten. Vortragstext zur Veranstaltung "Visionen - Wirklichkeiten - Widerstand" im Rahmen der Hamburger Aktionstage zum EU-Gipfel in Göteburg am 14. Juni 2001 (http://www.jungle-world.com/Texte/patrioten.htm)
www.neusser-monat.de (11.2.2002)