Emilia Galotti und der Bürger Mut

Lessings Trauerspiel am RLT

Am 24. des vergangenen Monats ging die Premiere von G. E. Lessings bürgerlichem Trauerspiel "Emilia Galotti" in der Inszenierung von Astrid Jacob über die Neusser Bühne.
Das Stück war zuvor radikal zusammengestrichen worden, was es möglich machte, dasselbe in einem Rutsch aufzuführen.
Diese "Modernisierung" sowie die gelungene Bühnenausstattung von Susanne Thaler erlaubt den Zuschauern, sich ganz auf das Drama zu konzentrieren. So gibt es neben den Schauspielern eigentlich nur Wände zu bestaunen. Einzig in der Eingangsszene lümmelt sich der Prinz auf einer Chaiselongue herum. Und später im Haus der Galottis fehlt es auch am Mobiliar, so dass die Getränke aus einer am Boden stehenden Karaffe entnommen werden müssen. Dafür gibt es aber wunderbar eingefärbte Kulissenwände zu betrachten: verführerisches Rot kontra Türkis und Blau. Licht lässt S. Thaler fast gar nicht von außen hinein, was besonders in der Wohnung der Galottis auffällt, wo die Sichtblenden seltsam dunkel bleiben: ein Hinweis auf die strenge Moral des bürgerlichen Hausherrn, der vergeblich versucht, die Verführungen der Außenwelt von sich und erst recht seiner Tochter Emilia fernzuhalten.
Diese selbst, gespielt von Sarah Gershi, ist ebenfalls durchdrungen von des Vaters Tugendvorstellungen. Einzig die Mutter, hervorragend gegeben von Illi Oehlmann ("die Löwin"), hat eine Ahnung vom sinnlichen Spiel des Begehrtwerdens und der sanften Erwiderung. Aber auch ihr ist klar: versprochen ist versprochen und die Tragödie nimmt ihren Lauf.
Der adlige Lustmolch, Prinz Gonzaga, ist wieder einmal scharf auf frisches Fleisch. Dieses Mal ist es die Braut Emilia, die kurz vor der Vermählung mit dem am Hof nicht sehr beliebten Grafen Appiani steht. Die Verflossenen des Prinzen zieren bereits ganze Bildergalerien. Er braucht jedoch einen willigen Organisator für seine Eroberung, der auch schon mal im Voraus plant, was der Prinz noch nicht einmal zu denken wagt oder denken kann. Marco Luca Castelli gibt den abgebrühten und intriganten Fiesling und Kammerherrn Marinelli, der gekonnt seine persönlichen Rachegefühle mit den Plänen seines Fürsten zu kombinieren weiß. Der nicht eingeplante Tod des Bräutigams von Emilia gefällt ihm außerordentlich.
Auftritt der just vom Prinzen abgelegten Gräfin Orsina, eindringlich als Racheengel gespielt von Juschka Spitzer. Sie setzt aber auf das falsche Pferd: Der Bürgervater besitzt nicht die Kraft und den Willen, den ihm zugesteckten Dolch gegen den Verursacher der Schmach, den geilen Prinzen, zu richten. Statt dessen wendet er ihn gegen seine Tochter, die ganz erfüllt von Papas Tugend nur in ihrem Tod ein Schutzschild gegen die "feindliche Übernahme" sieht.
Und dass es eine feindliche Übernahme, sprich eine einseitige Eroberung sein soll, das wird in der Neusser Inszenierung etwas retouchiert: Astrid Jacob lässt nämlich in ihrer Bühnenfassung, ganz anders als es Lessings Regieranweisung vorgibt ("er führt sie, nicht ohne Sträuben ab"), Emilia - der Prinz ist schon vorausgegangen ("Und nun kommen Sie, mein Fräulein...") - alleine auf der Bühne verweilen. Sie ist unentschlossen, zögert und bewegt sich dann aber selbständig in die Lusthöhle des Prinzen.
Dies entspricht in etwa der Auffassung, die schon Goethe Lessing unterstellt hat, eigentlich liebe Emilia doch den Prinzen und nur die dumpfe Moral bringe den Vater dazu, seine Tochter zu töten, um deren Unschuld zu retten. "Lessing habe es nur nicht deutlich genug ausgesprochen, daß Emilia den Prinzen heimlich liebe. Indessen damit wäre, um eine Schwäche zu beseitigen, überhaupt der ganzen Tragödie der Rücken gebrochen." , so schrieb 1893 Franz Mehring in seiner "Lessing-Legende"
Denn es ging Lessing darum aufzuzeigen, dass der Bürger lieber den Dolch gegen sich und seinesgleichen richtet - und das ist das Tragische -, als gegen Despotenwillkür und Adelsherrschaft aufzumucken. Es geht gegen dieses ganze Duckmäusertum und auf heute übertragen - da ist bei Lessing noch einiges zu lernen- um mangelnde Zivilcourage. Zu kritisieren wäre auch die mangelnde Lust an einer tiefgreifenden Kritik des Bestehenden und das strikte Abwehren , das als schlecht Erkannte auch beseitigen zu wollen.

HPJ

Alle Zitate aus: G.E. Lessing, "Emilia Galotti" + Materialien, Klett-Verlag 1996
Weitere Aufführungen: 13.2./ 25.2/ 26.2./ 22.3./ 8.4./ 4.5 im Rheinischen Landestheater, Oberstr.

www.neusser-monat.de (5.2.2003)