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Rechtzeitig zur anstehenden Beseitigung eines Querulanten (inklusive Bauernopfern)
im Nahen Osten durften die Medien an das Ableben eines ebenbürtigen Schurken
vor 50 Jahren erinnern: Josef Stalin starb am 5. März 1953.
Gruselige Geschichten vom machtbesessenen Diktator wurden aufgerührt,
furchterregende Bilder ließen dem Betrachter den Schauer über den
Rücken laufen. Die Botschaft war eindeutig: So kann es gehen, wenn statt
demokratischer Kontrolle ein Mensch oder eine Idee die Staatsgeschäfte
bestimmt.
Unzweifelhaft hatte die Sowjetherrschaft unter Stalin seine blutigen Seiten,
dennoch taugt eine derartige Beschreibung wie in den westlichen Medien weniger
ihrer Erklärung als der Rechtfertigung der nicht unblutigen Ergebnissen
demokratischer Herrschaft.
Der folgende Beitrag wird zeigen, dass nicht der Kommunismus, sondern der
Rückgriff auf altbewährte Vorbilder aus der kapitalistischen Ökonomie
und demokratischen Moral zu bisweilen ungesunden Lebensverhältnissen
in der alten SU führten.
Sozialistische Warenproduktion
Die Bolschewiki hatten in der Oktoberrevolution die in Kapital und Grundbesitz
realisierte Privatgewalt über die gesellschaftliche Arbeit gebrochen
und die Freiheit geschaffen, die Produktion vernünftig zu planen.
Jedoch standen sie von Anfang an ihrem eigenen Tun misstrauisch gegenüber
und arbeiteten sich an der Frage ab, welche Art von Revolution bei ihnen überhaupt
an der Tagesordnung stehe. Die rückständigen Produktionsverhältnisse
nährten in Ihnen den Verdacht, zu viel mehr als eine Revolution à
la 1789 könne es bei ihnen nicht reichen. Denn sie meinten bei den Klassikern
herausgelesen zu haben, dass es einen objektiven, nicht aufhaltsamen Geschichtsverlauf
gebe, der die Gesellschaft aus einem Entwicklungsstadium ins nächstfolgende
hinüberstoße. Und da war gemäß der Geschichtsteleologie
Russland für den Sozialismus noch nicht reif.
Praktisch ließen sich die Bolschewiki zunächst nicht durch ihre
Bedenken irritieren und machten einfach ihre Revolution. Aber der Widerspruch,
einerseits das Heft in die Hand genommen zu haben, und andererseits sich als
Vollzugsorgan eines fast übersinnlichen Geschichtsauftrags zu bewähren,
bestimmte dennoch die Politik der Kommunisten in den folgenden Jahren.
Die "Neue Ökonomische Politik" seit 1920, die mittels privatwirtschaftlicher
Initiativen die Versorgung der Bevölkerung absichern sollte, war einerseits
aus der Not geboren. Tatsächlich war aus der Verweigerung der großen
und kleineren Bauern, weiterhin wie zu Kriegszeiten auf Kommando Getreide
abzuliefern, eine riesige Versorgungslücke entstanden, die zur Rücknahme
von revolutionären Programmpunkten, wie der Kollektivierung der Landwirtschaft,
zwang. Andererseits wusste man dem ganzen reaktionären Theater positive
Seiten abzugewinnen.
Unter den höheren Gesichtspunkten des Geschichtsverlaufs fanden die Bolschewiki
das Zurückweichen ganz in Ordnung. Sie interpretierten es als Einsicht
in die Notwendigkeit, erst einmal mit kapitalistischen Mitteln die Nation
"voranzubringen". Durch diesen "Staatskapitalismus" sollten
die Kommunisten lernen, wie man Handel treibt, kaufmännisch rechnet und
rentabel produziert.
Irgendwann - so glaubten die Bolschewiki - macht sich der kapitalistische
Sektor der Wirtschaft überflüssig, weil der sozialistische seine
Überlegenheit bewiesen hat. Die Geschichte nimmt halt ihren Lauf und
weder Ochs noch Esel hält ihn auf.
Genau umgekehrt ist es gelaufen.
Die wachsende Abhängigkeit der städtischen Massen und des Staates
vom Geschäftemachen der privaten Bauern drohte zu eklatanten Versorgungsmängeln
und Krisen zu führen. Stalin besann sich - hier im Widerspruch zu seiner
Geschichtsteleologie - auf die in der Oktoberrevolution errungene Gewalt über
die Ökonomie und schaffte die Privatwirtschaft ab.
Aber statt mit Hilfe eines umfassenden Plans Industrie und Landwirtschaft
aufzubauen, griffen die Bolschewiki auf das kapitalistische Prinzip der Wertproduktion
zur Förderung ihrer Ökonomie zurück. Das Geld, der rote Rubel
sollte die Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung werden. Die bürgerliche
Ideologie, die das Geld und den Profit als Schmiermittel für eine gut
funktionierende gesellschaftliche Produktion anhimmelt, feierte im Sozialismus
à la UdSSR fröhliche Urständ.
Die Produktion für den Profit, die im Kapitalismus den Ausschluss der
Mehrheit der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Reichtum bedeutet, sollte
im Sozialismus genau das Gegenteil, die umfassende Versorgung, gewährleisten.
Durch die Entmachtung der privaten Kapitalisten und die Konzentration der
Gewalt über das Geld in staatlichen Händen konnten die Gesetze der
Wertproduktion, so glaubten die Bolschewiki, volksnützliche Dienste leisten.
Tatsächlich herrschten durch den Zwang zur Gewinnerwirtschaftung, durch
die Planung mit Finanzmassen überall an den Nahtstellen zwischen Betrieben
und Branchen Mangel und Versorgungsengpässe. Diese wurden ausgeglichen
durch einen kostenmäßig höchst flexiblen Produktionsfaktor:
Die Arbeitskraft. Ein System von Prämien, Strafen und Zwangsarbeit musste
als Lückenbüßer für eine vernünftige Planung herhalten.
Personenkult
Kurz vor seinem Tod fasste Josef Stalin seine Auffassung über die Ökonomie
des Sozialismus in einem knappen Satz zusammen: "Die Gesetze der politischen
Ökonomie im Sozialismus sind somit objektive Gesetze, die die Gesetzmäßigkeiten
der sich unabhängig von unserem Willen vollziehenden Prozesse des ökonomischen
Lebens widerspiegeln."
Für einen Kommunisten klingt es schon etwas merkwürdig, wenn Revolutionäre,
die ja gerade die Sachzwänge der kapitalistischen Ökonomie und ihre
negativen Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung abgeschafft haben
und sich gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen haben, bewusst die Ökonomie
zu gestalten, umgekehrt sich neuen Sachzwängen unterordnen, die sie vom
beseitigten System kopiert haben.
Aber es war kennzeichnend für das sowjetische System, dass es die revolutionäre
Veränderung nicht als bewussten, freien Akt verstand, sondern als Ableitung
höherer, objektiver Gesetze betrachtete.
Stalin als Erbe und Wahrer der gültigen Wahrheiten des Leninismus und
seine Partei verstanden sich in diesem Zusammenhang als höchstes Vollzugsorgan
und verlangten dafür den notwendigen Respekt. Die tatsächlichen
Erfolge seiner Herrschaft gaben Stalin Recht und setzte seine Kritiker und
Gegner ins Unrecht. Diesen wurde in der Regel vorgeworfen, sich an den "objektiven
Gesetzen" der Politik und Ökonomie vergangen zu haben.
Die konsequente Fortführung dieser Auseinandersetzung, die nicht mehr
über das Argument lief, war die moralische Disqualifizierung der Kritiker
als Verräter und Verschwörer, die schließlich mörderische
Folgen zeitigte.
Dabei waren die entlarvten "Verräter und Verschwörer"
genau so gute "Leninisten" wie Stalin, die ebenso wie dieser Antworten
auf die geschichtliche Auftragslage suchten, aber durch Stalins Erfolge sich
ins Unrecht gesetzt sahen. Die fällige Selbstkritik der Genossen wurde
stets als Opportunismus, "Doppelzünglertum" oder sogar als
besonders verlogene Tour ausländischer Agenten ausgelegt. Manch "überführter"
Genosse trieb es mit seiner Liebe zur proletarischen Sache so weit, dass er
den Vorwürfen Recht gab, um seiner Partei den letzten Dienst zu erweisen.
Fazit
Die Nachfolger Stalins haben die Prinzipien seiner Herrschaft nie kritisiert.
Die ikonenhafte Verehrung des Urvaters der Sowjetunion, Lenin, wie die von
Stalin inszenierte sozialistische Warenproduktion blieben eherne Säulen
der Herrschaft der UdSSR. Selbst nach dem freiwilligen Abgang des ersten sozialistischen
Staates der Welt ist den verbliebenen Überresten seiner Gefolgschaft
diesbezüglich kein kritisches Wort über die Lippen gekommen. Im
Gegenteil, die Anhängerschaft des realen Sozialismus pflegt - wie auch
in dieser Zeitung zu lesen ist - in der Auseinandersetzung mit anderen linken
Positionen heute noch das stalinistische Prinzip der moralischen Disqualifizierung
des Gegners, indem sie ihm Unkenntnis der - oder Verrat an den - hehren Grundsätzen
des Marxismus-Leninismus vorwirft.
Stalin selbst genoss nach seinem Ableben einen schlechten Ruf, wohl weil seine
rüden Methoden - bisweilen auch von besonders pfiffigen Ideologen als
Resultate der "ursprüngliche Akkumulation" gerechtfertigt -
nicht mehr in das Bild einer Weltfriedensmacht passten, die innerhalb einer
imperialistischen Staatenwelt ihren Platz behaupten wollte.
Zum Weiterlesen: http://www.gegenstandpunkt.com/msz/html/87/87_12/stalin.htm