
"Das globalisierungskritische Netzwerk Attac begrüßt den Aufruf
des Deutschen Gewerkschaftsbund zu den europaweiten Protesten am 2. und
3. April gegen Sozial-Kahlschlag." heißt es auf den Internet-Seiten von
Attac. Im Folgenden wird Peter Wahl vom Attac-Koordinierungskreis
zitiert: "Das Zusammenwirken von sozialen Bewegungen und Gewerkschaften
ist eine neue Qualität und bildet die Grundlage für eine breite,
außerparlamentarische Opposition. Die Zeiten, in denen die
All-Parteien-Koalition ihren Kurs ohne massive Proteste durchsetzen
kann, sind vorbei." (In Zukunft muss sie also ihren Kurs mit massiven
Protesten durchsetzen. Nun ja.)
Bekanntlich haben sich der DGB und die Spitzen der verschiedenen
Einzelgewerkschaften bisher gegenüber den Protesten gegen den
Sozialabbau sehr reserviert verhalten. Ihr Motto vom letztjährigen 1.
Mai lässt ein ambivalentes Verhältnis zur Politik des Sozialabbaus
erkennen: "Reformen Ja! Sozialabbau Nein Danke!" Grund genug, sich den
Aufruf des DGB einmal näher anzuschauen.
Gewerkschaft für Volk und Vaterland
Michael Sommer wiederholt in seinem Aufruf vom 12. Januar zum
Aktionstag am 3. April die prinzipielle Haltung zum Sozialabbau: "Unser
Sozialstaat muss erneuert werden, aber er ist kein Objekt für
Abbruch-Unternehmer." Kämpferisch beschwört er die Solidarität der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa. Sie "lassen sich weder
erpressen noch gegeneinander ausspielen." Nun könnte man die Darlegung
einer Strategie zur Abwehr der europaweit beschlossenen
Verarmungsmaßnahmen erwarten. Aber weit gefehlt!
Sommer sorgt sich dagegen um den Erfolg der deutschen Wirtschaft und
darf erkennen, dass die Bundesregierung hier durchaus auf dem richtigen
Weg ist. Er freut sich, "dass die Regierung erkannt hat, dass nur eine
auf Innovation gepolte Wirtschaft ... eine Chance hat, ihren
Spitzenplatz als Exportweltmeister zu sichern." Diesem Ansinnen stehen
die Sparmaßnahmen der Regierung in Sachen Bildung entgegen. Darum
müssen wir "größere Anstrengungen unternehmen, um Deutschland wieder
nach vorne zu bringen". Den Elitehochschulen stehen die Gewerkschaften
nicht ablehnend gegenüber: "Die Gewerkschaften sind für die Förderung
von Exzellenz in der Wissenschaft."
Die ungeheure Produktivität der Wirtschaft, die massenhaft
Arbeitslosigkeit, kranke und ruinierte Arbeitskraft, ausgemusterte und
mit einem Gnadenbrot versehene Alte produziert hat, interpretiert der
DGB ganz anders. Wirtschaftlicher Erfolg sieht er als Voraussetzung für
das Wohlergehen der Arbeitsmannschaft. Er freut sich, dass die
"wirtschaftliche Lage ... derzeit leicht besser als 2003 (ist). Zwar
sind die prognostizierten Wachstumsraten noch keineswegs befriedigend".
Und wenn die Wirtschaft den Vorschlägen des DGB folge, sähe die Sache
viel besser aus. Der hohe Eurokurs bringe die Exportwirtschaft in
Gefahr. Da könne eine nachhaltige Zinssenkung Abhilfe schaffen. Aber
das "Bewusstsein für die Verantwortung für Wachstum und Beschäftigung
ist leider sowohl bei der EZB als auch bei den Brüsseler Gralshütern
eines falsch verstandenen Stabilitäts- und Wachstumspaktes noch
unterentwickelt".
Hauptverantwortlich für das ganze Desaster ist aber die Stimmung: "Umso
verheerender wirkt sich die seit Jahren anhaltende Miesmacherei des
Standorts Deutschland aus. Es ist mir unverständlich, wie
Wirtschaftsvertreter und Politiker alles tun, um Investoren von
Deutschland fernzuhalten."
Zum Schluss seines Vortrages appelliert Sommer "an führende Vertreter
der Wirtschaft und der Politik: Pflegen sie nicht länger Depression,
befreien Sie unser Land von dem Mehltau, den Sie über uns gebracht
haben. Das wäre der wichtigste Beitrag für ein besseres
Innovationsklima."
Schlussfolgerung
Der Erfolg des Kapitalstandortes Deutschland liegt dem DGB am
Herzen. Dass dieser nur in Konkurrenz gegen andere europäische und
weltweite Kapitalstandorte durchgesetzt werden kann, ist ihm durchaus
bewusst. Schließlich fordert er, "Investoren" sollten in Deutschland
und nicht anderswo investieren. Die anfangs beschworene Solidarität der
europäischen Arbeitnehmer kann daher nur äußerst halbherzig sein.
Mit seiner umstandslosen Einnahme des Erfolgsstandpunktes der
Wirtschaft, die der eigenen Ideologie geschuldet ist, dass sich Profit
und Lohn gut miteinander vertragen, wird die Politik des DGB sogar
arbeiterfeindlich. Die Preisgabe von Bestandteilen der Tarifautonomie,
wenn den Betrieben weitreichende Spielräume zur Gestaltung der
Arbeitsbedingungen und Bezahlung überlassen werden, oder die Zustimmung
zu Reformmaßnahmen der Regierung, die direkt zur Verarmung weiter Teile
der Bevölkerung führen, sind nicht Resultat einer schwachen Position
der Gewerkschaften, die Zugeständnisse unumgänglich macht. Die
Möglichkeit, dem Sozialabbau mit massiven Kräften entgegenzuwirken,
haben die Gewerkschaften schon. Sie wollen es nicht, weil ansonsten ihr
höchstes Anliegen, der Erfolg der Wirtschaft, der dem Wohlergehen der
eigenen Mannschaft nach ihrem Glauben vorausgesetzt ist, in Gefahr
gerät.
Auch der DGB sieht in den hohen Lohnnebenkosten ein einziges Hemmnis
für die Wachstumsmöglichkeiten des Kapitals. Darum sollen nach einem
Bericht der "Hannoversche Allgemeine Zeitung" vom 21.1.04 die
Verlängerung der Lebensarbeitszeit laut eines noch unveröffentlichten
Positionspapiers des DGB "mittel- und langfristig nicht tabu bleiben."
Als Ausgleich der systematischen Verarmung der aussortierten
Arbeitsmannschaft des Kapitals bietet der DGB das "Altersvorsorgepaket
‚Das RentenPlus'" an. Zu "günstigen Konditionen" kann hier
Gewerkschaftsmitgliedern "Zugang zu einer günstigen und
verbraucherorientierten Privatvorsorge" eröffnet werden. Die Begründung
für die Notwendigkeit des Abschlusses einer solchen Versicherung ist
einleuchtend: "Die Einschnitte der letzten Jahre lassen jedoch das
Einkommen im Ruhestand sinken, so dass eine eigene Vorsorge immer
wichtiger wird."
So sieht also der Kampf des DGB gegen den Sozialabbau aus.
Zitate: http://www.attac.de
http://www.dgb.de
http://www.tagesschau.de
www.neusser-monat.de
(25.1.2004)