
Vor gut hundert Jahren, am 12. Januar 1904, begann der Krieg der
deutschen Kolonialtruppen gegen Herero und Nama, den afrikanischen
Bewohnern des damaligen Deutsch-Südwestafrika und heutigen Namibia. Im
Vorfeld des Jubiläumstages besuchte der deutsche Außenminister, Josef
Fischer, die ehemalige deutsche Kolonie, um die Rolle Namibias in der
heutigen Weltordnung klarzustellen und eventuelle Ansprüche der
Nachfahren der Opfer gegen den Rechtsnachfolger des deutschen Kaisers
abzuweisen.
Wer in größeren Tageszeitungen gekramt hat, konnte zum Besuch von
Außenminister Fischer in Namibia (vorher war Mali dran, nachher
Südafrika) folgende Stichworte mitnehmen:
Deutschland bekennt sich zu seiner historischen Verantwortung. Zwar
könne keine förmliche Entschuldigung für die Gräuel der Kolonialzeit
ausgesprochen werden, weil man sonst der Klage der Hereros Recht gebe
und finanzielle Entschädigung leisten müsse. Aber dafür sei man bereit,
in besonderem Maße Entwicklungshilfe für das Land zu leisten.
Deutschland schlägt vor, dass Namibia Beiträge zu einer afrikanischen
Schutztruppe leiste, die an Krisenherden eingesetzt werden sollte.
Deutschland warnt davor, Enteignungen weißer Farmer ins Auge zu fassen;
Entwicklungen wie in Simbabwe seien nicht hilfreich für die guten
Beziehungen.
Namibias Präsident Nujoma spricht von sehr guten Beziehungen. Das sei
beruhigend, hört man von deutscher Seite, habe er doch vor nicht allzu
langer Zeit für negative Schlagzeilen gesorgt, als er der Zeitung "Die
WELT" in einem Interview sehr barsch "Arroganz der Weißen" attestiert
hat, bloß weil sie ihn nach seinen Plänen befragt hatte ("Das geht Sie
gar nichts an!").
Fischer erinnert an die "gemeinsame Geschichte", die Deutschland und
Namibia verbinde. Die ist für einen Mann wie ihn natürlich jederzeit
Auftrag. Was war da eigentlich?
1.
Im Jahre 1883 entdeckte der Bremer Kaufmann Lüderitz eine
Marktlücke. Ein ganzer Landstrich im Südwesten Afrikas war noch
unbesetzt, herrenloses Land, lediglich von Eingeborenen bewohnt. Die
Wüste Namib, die das ganze Küstenhinterland ausmachte, hatte
Interessenten abgeschreckt; es gab lediglich den Flottenstützpunkt
Walfischbay der Briten.
Gleichzeitig machten Gerüchte die Runde, auch auf diesem Territorium
könnten - wie in Südafrika - Gold, Diamanten und andere schöne Dinge
begraben liegen. Lüderitz kaufte von schwarzen Stammesfürsten nach und
nach große Areale an; dabei hatte er auch das Glück, dass die
Vertragspartner die englische nicht von der ein wenig längeren
deutschen Meile unterscheiden konnten. Da die britischen,
portugiesischen und burischen Herren der anrainenden Kolonien dieses
Treiben nicht gerne sahen, war eine Nachricht an die deutsche Regierung
hilfreich: Kaiser Wilhelm schickte Kanonenboote und stellte die Region
Südwest unter deutschen Schutz.
Deutsche Farmen schossen aus dem Boden, Minengesellschaften suchten und
fanden Bodenschätze, Eisenbahnlinien wurden angelegt. Schutztruppen
waren freilich nicht nur wegen der kolonialen Konkurrenz notwendig -
man bekam auch Probleme mit diversen Eingeborenenstämmen. Von ihren
Lebensbedingungen, von Anbau-, Weide- und Wohnland getrennt, wurden sie
ab und an böse, überfielen z. B. eine Militärstation zum Schutz der
Bahnlinie zu den Kupferminen; deutsche Männer verloren ihr Leben, aber
auch Nase, Ohren und Sonstiges.
Das war nicht nützlich, ja schändlich. Der Kaiser verstärkte die
Truppen und holte einen schon in China bei vergleichbaren Einsätzen
positiv aufgefallenen Befehlshaber, General von Trotha. 1904 kam es am
Waterberg zu einer Entscheidungsschlacht gegen den Stamm der Hereros.
An ihm sollte ein Exempel statuiert werden (andere folgten später):
Vernichtung eines aufsässigen Volkes, das keine andere Sprache
versteht.
Die überlebenden Reste des Gemetzels wurden in die Wüste getrieben und
dort eingesperrt; später wurden dort Konzentrationslager errichtet, in
denen überlebende Volksangehörige exzessive Sklavenarbeit zu verrichten
hatten. So kam Ruhe und Ordnung in die Kolonie. 1915 war es dann aber
aus mit der deutschen Herrlichkeit, weil der 1. Weltkrieg nicht so lief
wie gewünscht.
Südafrika nutzte die Gunst der Stunde, marschierte in Südwestafrika ein
und besetzte das Land - und bekam dafür dann bald darauf vom Völkerbund
ein Mandat. Damit war die erste Phase der "gemeinsamen Geschichte"
(Fischer) Deutschlands und Südwestafrikas zu Ende.
2.
Die deutschen Farmer durften freilich auch unter der
südafrikanischen Mandatsherrschaft über Südwest auf ihren Ländereien
bleiben. Kurzzeitig gab es unter Hitler den Plan, die Kolonie wieder
heim ins Reich zu holen. Daraus wurde aber nichts.
Die Beziehungen in der nächsten Phase zwischen Deutschland und
Südwestafrika waren hauptsächlich indirekter Natur. Nach dem zweiten
Weltkrieg war Südafrika zum Bollwerk des Westens im Kampf gegen
sozialistische, für den sowjetischen Hauptfeind ausnutzbare Tendenzen
im südlichen Afrika aufgestiegen. Die Nutzung der Ressourcen der
südafrikanischen de facto Kolonie durch amerikanische, englische,
deutsche Interessenten lief über Pretoria.
Der Apartheids-Staat wurde, begleitet von einigem Gemurmel wg.
Menschenrechtsverletzungen, aber auch Klarstellungen eines Franz-Josef
Strauss, manche Völker seien einfach nicht reif für die Demokratie, in
seiner Aufräumfunktion in der Region politisch unterstützt und
militärisch mit aufgerüstet. Auch in Südwest gab es für ihn da einiges
zu tun. Unter der Führung des heutigen Präsidenten kämpfte dort eine
nationale Befreiungsbewegung, SWAPO genannt, für die Unabhängigkeit
Südwestafrikas. Und diese Auseinandersetzung bot dem demokratisch
gewendeten Nachkriegs-Deutschland dann erneut Gelegenheit sich - wg.
spezieller historischer Verantwortung - im südlichen Afrika
einzumischen.
Mit einem UN-Beschluss im Handgepäck, der die südafrikanische
Mandatsherrschaft für beendet erklärt, wässerte Genscher eine Zeit lang
in der Region herum, um der Republik Südafrika klarzumachen, dass sie
als Statthalter westlicher Interessen noch lange nicht zu
Eigenmächtigkeiten berechtigt ist, sich mit denen vielmehr unbeliebt
macht. Als eine der fünf zuständigen Westmächte beteiligte sich die BRD
damals an den internationalen Anstrengungen, Südwestafrika in die
Unabhängigkeit zu überführen, ohne die SWAPO dort an die Macht zu
bringen. Das war die zweite Phase der "gemeinsamen Geschichte"
Deutschlands und Namibias.
3.
Dann kam der Zusammenbruch des Ostblocks. Die Ordnungsfunktion
Südafrikas für den Westen hatte sich schon in den Jahren davor
weitgehend erledigt. Dieser Staat übte Selbstkritik, beschloss die
Aufhebung der Apartheid, um eine neue innere Stabilität des Landes zu
stiften und ein Wirtschaftsleben auf die Beine zu stellen, in dem die
Leistungsfähigkeit eines jeden gefragt war; sofern sie denn gefragt
war.
Für die SWAPO in Südwest war das ein historisches Geschenk. Sie war
einfach nicht mehr zu übergehen und Namibia wurde nach langem Gezerre
unter ihrer Führung unabhängige Republik. Frei kann die Regierung
seitdem über das Geschick des Landes befinden, also mit der
ökonomischen Abhängigkeit vom Weltmarkt zurechtkommen.
Für Deutschland beginnt eine neue hoffnungsvolle Phase der "gemeinsamen
Geschichte". Unter Berufung auf die schweren Zeiten, die man zusammen
durchgemacht hat, kann man endlich ein neues Kapitel der
"Zusammenarbeit" aufschlagen. Deutschland leistet Entwicklungshilfe und
unser Außenminister hat einschlägig ambitionierte Geschäftsleute im
Gepäck mit dabei.
Die Rohstoffe des Landes, die Produkte der Farmen (nicht nur der nach
wie vor deutschen) u. a. ziehen unser Geschäftsinteresse auf sich. Aber
nicht nur das. Als Entwicklungshilfegeber hat unser Vertreter
Ratschläge parat, wie dieses Land regiert werden sollte, welche Art
Landreform erwünscht ist und welche nicht.
Auch für die Ordnungs- und Streitkräfte Namibias weiß er die
sinnvollste Art der Verwendung. Schöne Worte hat er für die Hereros
dabei, aber natürlich kein Geld. So etwas braucht es nicht, weil die
Taten von 1904 ff. ja erst seit 1948 unter dem Titel "Genozid"
international geächtet sind. Außerdem findet die Klage der Hereros auf
Entschädigungszahlungen - anders als im Fall von Hitlers
Zwangsarbeitern -, obwohl in den USA angestrengt, dort praktischerweise
keinen politischen Paten. (Die USA sind selber mit ähnlichen leidigen
Forderungen konfrontiert, die sie nicht gelten lassen.) Und im Übrigen
sind solche Forderungen auch nicht gut, weil es Namibia nicht die
nötige Einigkeit, sondern nur Streit zwischen Volksgruppen bringen
würde - andere kolonial Unterdrückte wären zu Recht sauer, so die
deutsche Einlassung, wenn speziell die Hereros von Deutschland Geld
bekämen.
Zu hoffen bleibt für den Rechtsnachfolger Kaiser Wilhelms, dass unser
Freund, Herr Nujoma, seinen unverständlichen verbalen Entgleisungen von
wg. "Arroganz der Weißen" keine Taten folgen lässt. Das würden wir nach
so viel gemeinsamer Geschichte wirklich nicht nett finden.
Nachtrag:
Vor 70 Jahren hieß es am 12. Januar in den Düsseldorfer Nachrichten
bezugnehmend auf die Niederschlagung des Herero-Aufstandes:
"Dankespflicht ist es heute, derer zu gedenken, die vor dreißig Jahren
in heldenhaftem Kampfe deutsches Land mit ihrem Blute weihten."
In Düsseldorf wird die Tradition der alten Kolonialkämpfer u. a. durch
entsprechende Straßenbenennungen wachgehalten: "Mehrere Düsseldorfer
Straßen sind nach Kolonialkriegern- und politikern benannt, so die
Lüderitzstraße (Adolf Lüderitz, 1834-86, Großkaufmann, ‚erwarb' 1883
den Hafen von Angra Pequena mit dem Hinterland der späteren Kolonie
‚Deutsch-Südwestafrika'), die Leutweinstraße (Theodor Leutwein,
1849-1921, Major, Kommandeur der ‚Schutztruppe' in
‚Deutsch-Südwestafrika', bis 1904 Gouverneur der Kolonie), Petersstraße
(Karl Peters, 1856-1918, gründete 1884 die ‚Gesellschaft für deutsche
Kolonisation', amtierte 1889-91 als Reichskommissar des
Kilimandscharogebietes)." (http://www.pds-duesseldorf.de/)
Die PDS fordert die Umbenennung der Straßen. Die Stadt weigert sich.
Und das zu Recht. Schließlich darf das neue Deutschland an alte
Traditionen des Griffs nach der Teilhabe an der Weltherrschaft wieder
anknüpfen, und da ist der Rückgriff auf historische Vorkämpfer durchaus
verständlich.
Tradition verpflichtet!
Quellen: Alhambra, Februar 04, Oldenburg (www.alhambra.de)
Gegenstandpunkt 4/03, München (www.gegenstandpunkt.com)
Dr. Anton Meyer, Rittmeister a. D. (Hrsg.): Das Buch der deutschen
Kolonien, Leipzig, o.J.
www.neusser-monat.de
(14.2.2004)