Da stirbt der Oberpriester einer
Religionsgemeinschaft, die glaubt, ein angeblich vor 2000 Jahren
hingerichteter
Wanderprediger sei 1. Gott gewesen, 2. nach dem Tode wieder
auferstanden und 3.
sitze er jetzt im Himmel, von wo aus er 4. seine Anhänger bis auf
den heutigen
Tag begleitet, bewacht und stärkt. Der Tod ihres „Heiliger
Vater“ genannten, diktatorisch
alleinregierenden, in allen Glaubensfragen als „unfehlbar“
geltenden
sogenannten „Stellvertreter Gottes auf Erden“, wird vom
Fernsehen live
übertragenen. Unter ritueller Beschwörung einer
„Heiliger Geist“ genannten
Variante ihres Gottes wählen die ranghöchsten Gurus der Sekte
einen neuen
geistigen Führer. Darüber wundert sich im 21. Jahrhundert die
auf- und
abgeklärte Menschheit mitnichten. Verwunderlich ist allerdings der
Rummel, den
der Rest der Welt darum macht: Wochenlang sind alle Fernsehkanäle
mit der
Inszenierung von Agonie und Apotheose des alten Amtsinhabers und dem
Ritual der
Thronfolge in Rom verstopft, alle sonstigen Hauptmeldungen fallen unter
„ferner
liefen“. Es findet sich darüber hinaus in allen Gegenden,
die der dreifaltigen
Gottheit huldigen, genug katholisches und nichtkatholisches Volk, das
sich
religiöser Verzückung hingibt, oder jedenfalls weiß,
was es den überall
präsenten Fernsehkameras schuldig ist: Millionen moderner freier
Bürger weinen,
zeigen alle Zeichen von Verzweiflung angesichts der Todesmeldung,
schreien und
klagen bei der Totenmesse, und applaudieren dem Holzsarg, sobald er an
ihnen
vorübergetragen wird. Eine gute Woche später wird den
Gläubigen auf dem
Petersplatz der neue Chef präsentiert, und die gleichen Menschen
wissen vor
Freude nicht mehr aus noch ein: Sie lachen, weinen, tanzen, schwenken
Nationalflaggen. Noch länger hätten sie die Zeit ohne einen
höchsten Vertreter
Gottes auf Erden nicht ausgehalten – ein Leben ohne Papst, so
sieht es aus, ist
wirklich nicht lebenswert.
Nach
all dem wollen wir nichts mehr davon hören, dass ein angeblich
modernes
Abendland den zurückgebliebenen Moslems die
„Aufklärung“ voraus hätte. Vor
kurzem noch vermeldete der SPIEGEL mit viel Verständnis für
den
Anti-Terror-Krieg des Westens, der Islam bedrohe die ganze Menschheit
mit
seinem fundamentalistischen Streben nach dem Gottesstaat. „Islam:
Allahs
blutiges Land“ hieß die Schlagzeile. Jetzt begleitet
dasselbe Organ die Pilgerreise
der westlichen Staatenlenker nach Rom – ganz unironisch! –
mit folgendem
Nachruf auf den toten Papst: „Der Papst ist die globalisierte
moralische
Instanz… Er rief auf, im Menschenstaat den Gottesstaat zu
errichten.“. Der
Kernvorwurf gegen islamische Fundamentalisten lautet, dass sie sich aus
religiösen Überzeugungen heraus anmaßen, Politik zu
machen und Staaten zu
unterminieren. Genau dasselbe wird beim verstorbenen polnischen Papst
als eine
seiner größten Leistungen gerühmt: Die
christlich-abendländische Welt auf
beiden Seiten des Atlantiks hält ihm zugute, beim Sturz der
kommunistischen
Staaten Osteuropas kräftig mitgeholfen zu haben. Es kommt also
offensichtlich
sehr darauf an, welcher weltlichen Macht der Fundamentalismus
zu
Diensten ist: „Unser“ christlicher Fundamentalismus ist
einfach
unwidersprechlich und gut, der der anderen ist gefährlich!
Wer gläubig ist – sich als
Diener eines
himmlischen Herrn bekennt, der führt deswegen kein sehr viel
anderes bürgerliches
Leben als seine gottlosen Zeitgenossen. Der hat genau wie die
genug
damit zu tun, dass er das Notwendige erledigt kriegt: Der Gelderwerb
vollzieht
sich nach den harten Regeln der „freien Marktwirtschaft“
und wird belebt durch
die Konkurrenz um den beruflichen Auf- und gegen den sozialen Abstieg.
Beim
Bemühen um die privaten Genüsse, für die der ganze
Aufwand sich lohnen soll,
ist viel sachgerechtes Sich-Einteilen gefragt. Christen wie
Nicht-Christen tun,
was ihnen durch Recht und Gesetz und die dadurch in Kraft gesetzten
ökonomischen Sachzwänge und durch die Vorschriften ihres
Sozialstaats, durch
Markt und öffentliche Meinung als fix und fertige
„Lebenswelt“ vorgegeben ist.
Die Erfolge, nach denen sie streben und zu denen sie es immer nicht
recht
bringen, sind dieselben. Und auch die Deutungen dessen, was sie sich in
ihrem
täglichen Leben einhandeln, sind dieselben: Glück haben
meistens die andern;
die Verdienste, die man sich erwirbt, werden einem selber nie
angemessen vergütet,
und überhaupt wird einem ständig die Gerechtigkeit
vorenthalten. Auf diese
Weise begleiten die Leute, Jesus-Fans ebenso wie praktizierende Heiden,
ihr
ganzes bescheidenes Leben mit ihrer moralischen Unzufriedenheit. Darin
also
unterscheiden sich weder die Christen von Moslems so
übermäßig noch die Frommen
von ihren ungläubigen Mitbürgern.
Wer aber gläubig ist, der denkt
sich zu alledem
noch seinen Teil, nämlich eine allgegenwärtige Autorität
oberhalb und jenseits
aller wirklichen Chefs und Machthaber. Diese jenseitige Autorität
fordert bedingungslosen
Gehorsam gegenüber den von ihr erlassenen Regeln für eine
anständige Lebensführung
– und diese Regeln sind im Endeffekt keine anderen als die
sowieso allgemein
geltenden. Diese „Gott“ genannte Autorität führt
zugleich im Hintergrund die
Regie über alles Leben, fällt an dessen Ende ein gnadenlos
gerechtes Urteil und
stellt dem Erdenwurm eine unendlich gnädige Quittung aus. Fromme
Menschen
pflegen also eine äußerst grundsätzliche Knechtsgesinnung,
aber dafür
winkt ihnen als wunderbare Belohnung ein ebenso grundsätzliches Freiheits-
und Überlegenheitsbewusstsein: Im seinem tiefsten Innern
ist der
Gläubige keiner anderen Instanz verpflichtet und
rechenschaftspflichtig als
seinem jenseitigen Herrn. Davor verblassen alle irdischen Obrigkeiten;
Bevormundung, Unterdrückung, ungerechte Beurteilungen in seinem
Leben
vor dem Tod kann die fromme Seele an sich abtropfen lassen – und
alle materiellen
Drangsale und Entbehrungen sowieso –, weil sie in letzter Instanz
nur Gottes
Urteil fürchten muss. Vom Standpunkt des Allerhöchsten aus
ergeht über alles
und alle ein absoluter, unanfechtbarer Schuldspruch – und
an den
Gläubigen das Versprechen einer jenseitig wirksamen Begnadigung
nach dem
Tod, sofern er sich im Diesseits nur gottgefällig
aufführt.
Die Welt religiöser Einbildungen, der
dazugehörige
Zauber und das Außer-Sich-Sein ist hierzulande also weder
ausgestorben, noch
bloße Privatsache. Wenn die Staatschefs aller imperialistischen
Großmächte die
„Lebensleistung“ und das „Charisma“ des toten
Woytiła in den höchsten Tönen
loben und die Zeit finden, ihm die letzte Ehre zu erweisen, dann
dokumentieren
sie damit ihr großes Interesse an den irdischen
Leistungen der leitenden
Gottesmänner. Sie sind interessiert an der weltlichen
Funktionalität der
Gläubigkeit ihrer freien und mündigen Bürger. Die
sollen sich nämlich in
dieser Welt auf alle rechtsgültigen Vorschriften und herrschenden
Sachzwänge
konstruktiv einstellen und nur in den vorgesehenen Bahnen ihren
materiellen
Erfolg suchen. Dass für die übergroße Mehrheit der
Leute dieser Erfolg nie
zustande kommt, weil sie als Kostenfaktor der herrschenden
Interessen
ihrer Arbeitgeber kalkuliert sind, führt bei gläubigen
Menschen nicht
zum Willen zur Abschaffung der Verhältnisse, die sie immer zu
nichts kommen
lassen, sondern zum Bedürfnis nach Kompensation: Einem höheren
Lebenszweck
jenseits des irdischen Jammertals verpflichtet zu sein, spendet dem
Gläubigen
den Trost für den weltlichen Misserfolg. Mehr noch: Im Jenseits
liegt für den
Gottesfürchtigen die eigentliche Bestimmung des Erdenmenschen.
Durch diese
Aussicht wird der gläubige Mensch reif dafür, alle
Beschwernisse geduldig zu
ertragen, die ihm das tägliche Leben im Kapitalismus reinsemmelt
–genau so
machen sich Leute auf Dauer und widerspruchslos zu den nützlichen
Idioten, als
die sie von ihren Herren vorgesehen und eingeplant sind.
Das geistige Bedürfnis nach einer
gläubigen
Sinnstiftung pflegen und bedienen im christlichen Abendland die
Kirchen.
Äußerst konstruktiv vermitteln sie ihren Anhängern, die
sich in Anlehnung an
ein Bild des Religionsstifters auch noch freiwillig Schafe
nennen, eine
positive Grundeinstellung zu den Opfern, die ihnen der alltägliche
Kapitalismus
und dessen nationale Standortverwaltung auferlegen. Dabei funktioniert
die
römisch-katholische Kirche derzeit ganz offenbar zur vollsten
Zufriedenheit der
demokratischen Weltmächte mit ihrem globalisierten Kapitalismus.
Das bezeugt
auf denkbar nachdrückliche Weise deren heftige Anteilnahme am
Wachwechsel auf
dem „Stuhl Petri“.
Eine letzte Klarstellung zur Trennung von
Kirche und
Staat und zum rein privaten Charakter religiöser
Überzeugungen liefert
anlässlich der gelungenen Papstwahl die freiheitlich-demokratische
Berliner Republik.
Sie gerät kurzzeitig außer Rand und Band, beflaggt ihre
Amtsgebäude und
Polizeireviere. Die erste Garde der Politik begibt sich an der Spitze
einer
Heerschar von Pilgern erneut in die „heilige Stadt“. Ganz
Deutschland
begeistert sich mit der BILD-Zeitung: „Wir sind Papst!“.
Dieses
„Wir“ ist definitiv nicht das der katholischen
Sonntagsmessebesucher, sondern
das aller anständigen deutschen Verfassungspatrioten. Weil Josef
Ratzinger
gerade noch diesseits des Inn in Bayern geboren ist, sieht die deutsche
Nation
in Gottes neuem Stellvertreter nicht bloß den neuen,
zuverlässig-antikritischen
Kirchenführer, sondern erkennt vor allem den Deutschen in
ihm und
empfindet sich moralisch und weltweit als ganz ungeheuer aufgewertet.
Nicht
dass die Herren in Berlin sich ab jetzt dem weisen Ratspruch der
katholischen
Kirche unterwerfen würden. Es ist eher umgekehrt so, als
hätte sich der
römische Katholizismus zum deutschen Wesen und seiner Leitkultur
bekehrt, als
hätte der katholische Gott sich zu Bayern als seiner wahren Heimat
bekannt.
Und das, wie bestellt, zum 60. Jahrestag des
Kriegsendes: dem Datum, mit dem das demokratisierte Deutschland einen
ganzen
leidvollen Geschichtsabschnitt, die für Patrioten stets
problematisch
gebliebene Ära der „Vergangenheitsbewältigung“,
endgültig in Pension schickt.
Was der Ratzinger Sepp da geschafft hat, vom Pimpf des Führers und
Judenmörders
zu Gottes oberstem Brückenbauer, das ist nicht bloß eine
exemplarische deutsche
Karriere, das ist ein Sinnbild der Karriere Deutschlands.
Hut ab:
Das hat der Heilige Geist wirklich gut gemacht!
Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 9. Mai 2005
GegenStandpunkt
– Kein Kommentar! im
Freien Radio für Stuttgart vom 11. Mai 2005