GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 19. Juli
2006
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora vom 24. Juli 2006
Ein
deutscher Literatur-Nobelpreisträger
zum schwarz-rot-goldenen Wir‑Gefühl:
Auch der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass fand
an der schwarz-rot-goldenen Patriotismus-Party in den Tagen der
Fußballweltmeisterschaft Gefallen. Allerdings in der Art des Dichterfürsten der
Nation, der natürlich nicht mit dem Pöbel in die Public Viewing Areas
drängelte, sondern den schwarz-rot-geilen Rausch aus der Distanz seiner
Dichterklause oder der VIP-Loge betrachtete – und bedachte. Was ihm der aus dem
Häuschen geratene Volksgeist im stillen Kämmerlein offenbarte, behielt der
Dichter berufungsgemäß nicht für sich. In einem 2-seitigen Interview verrät er
im Sportteil der Süddeutschen Zeitung des Finalwochenendes (8./9.7.) dem
geneigten Leser:
Woran eine feine Dichterseele Geschmack findet
Der Dichter glaubte, seine Deutschen zu kennen: Ein
muffiges Pack von Nörglern, Miesmachern und ewigen Bedenkenträgern. Es ist auch
gar nicht so lange her – es war gerade der Höhepunkt der Montagsdemos gegen die
Schröder’sche „Sozialkahlschlag-Reform“ vor 2 Jahren, als er die verbiesterten
Hartz-IV-Verzagten mit ihrer Parole „Wir sind das Volk!“ –
zusammen mit einigen anderen Vertretern der geistig-kulturellen Elite – per
Zeitungsannonce wissen ließ: „Auch wir sind das Volk!“ Er hat
sich angesichts der damals in Ostdeutschland anschwellenden Protestbewegung
gegen Hartz IV mit Nachdruck verbeten, dass der Pöbel sich anmaßt, auf die
Geschicke der Nation Einfluss zu nehmen, die doch seiner kritisch-geistigen
Oberaufsicht unterstellt sind. Und dann anlässlich der WM das:
„Und dann lief alles ganz anders. Sehr heiter, sehr
locker. Die Deutschen waren sogar bereit, auf eine fröhliche Art und Weise
Flagge zu zeigen und haben aus dieser Flagge ein vielfach verwendbares
Kleidungsstück gemacht: vom Wickelrock bis sonst wohin. Füllige ältere Damen
hatten eine neue Schminkmethode, sie haben sich schwarz-rot-gold auf die Wangen
gemalt, manche hatten Irokesen-Frisuren in den Landesfarben, ein Baby sogar den
Schnuller. Diese völlig unorganisierte spontane Art war überzeugend. […] Und
ich hoffe, dass sich die Politiker im Nachhinein zurückhalten, nicht auf dieser
Welle mitreiten und das Ganze zu etwas stilisieren, was es nicht sein kann und
nicht sein wollte.“
Er hat schon einen speziellen Blick auf die Dinge. Er
sieht zwar auch nur, was alle anderen sehen, doch allein ihm, dem Kenner der
schönen Form, ist es gegeben, mitteilsam zu machen, was die Dinge einem sagen
wollen. Die Flagge – als Schnuller! Das Symbol des höchsten
Respekts vor der höchsten Autorität, dem Staat – als Wickelrock! Als
Haarschmuck! Welch spielerische Heiterkeit beim Zusammenfinden von Volk und
Obrigkeit kommt da doch zur Anschauung, wie locker findet sich da der
Schulterschluss ein, auf den es in einem echten Kollektiv ankommt! Die 3
Farben, die für Deutschland stehen – was für eine Sinnespracht für einen
deutschen Dichter, wenn sich so viele so gleich deutsch maskieren, denn: Keiner
hat es ihnen angeschafft! Völlig unorganisiert haben sie zuerst bei Aldi und
Lidl die zufälligerweise mit dem schönen Schmuck gefüllten Regale, dann die
spontan für sie freigemachten Plätze gestürmt – welch großartiger Ausdruck
freier völkischer Schaffenskraft bei der längst fälligen deutschen
Kollektivwerdung von unten! In jeder Hinsicht „überzeugend“ jedenfalls
für einen, der sich auskennt im ästhetischen Spannungsverhältnis von Form &
Inhalt. Daher will er auch nicht, dass sich andere, „die Politiker“,
anders über das große Kunstwerk hermachen, zu dem er die nationalistische
Herzensergießung von Millionen stilisiert: Für ihn war es einfach nur die große
Laienspielgruppe namens Volk, die da so schön genossen und gefeiert hat, sich
mit wildfremden Menschen eins zu fühlen, die einem sonst entweder mehrheitlich
herzlich gleichgültig sind oder vor denen man im Alltagsleben sich in Acht zu
nehmen gelernt hat, so dass man ihnen bestenfalls höflich distanziert begegnet.
Das hat für Grass mit Politik aber auch so was von gar nichts zu tun.
Beziehungsweise allenfalls das, was der Dichter über die vollkommene Kunst des
Augenblicks hinaus länger konserviert haben möchte. Zum Beispiel den Genuss des
Umstands, dass dank des spontanen deutschen Volkauftritts auf der Bühne der
Weltöffentlichkeit so große „Themen“ wie ‚deutsche Nation‘ und
‚deutsches Nationalbewusstsein‘ endlich aus der Schmuddelecke der Rechten
herausgeholt und wieder dem grundgesunden gesamtdeutschen Kollektivbesitz
zugeführt worden sind:
„Ich bin immer dafür gewesen, das Thema ‚Nation‘ den
Rechten wegzunehmen. Das ist von links und von rechts, jenseits des
Rechtsradikalismus, vernachlässigt worden. […] Das Thema Nationalbewusstsein
haben wir ohne Not den Rechtsradikalen überlassen. Sicher ist diese
Kollektivleistung während der Weltmeisterschaft nicht erbracht worden, um den
Rechtsradikalen eins auszuwischen. Ihnen ist auf ganz freiwillige, spontane Art
das Wasser abgegraben worden. Sie konnten nicht mehr mithalten; jedenfalls
nicht mit ihrer schwarz-weiß-roten Reichskriegsflagge – sie hätten sich
lächerlich gemacht.“
Den rechten Extremisten das Wasser abgraben, indem man
sie einfach im eigenen Patriotismus ersäuft – was für eine geniale „Kollektivleistung“!
Wie alt sie mit einem Mal im Wettbewerb pur nationalistischen Dafürseins
mit ihrer Parole „Deutschland den Deutschen!“ aussehen, wenn diese
Deutschen ihre Zugehörigkeit zum deutschen Staat als ihre scheinbar
allernatürlichste Identität frei herauslassen und sich darin feiern, wie
eins sie mit ihrem Vaterland schon längst sind! Einfach „nicht mehr mithalten“
können die gestandenen Rechtsradikalen, wenn sie von einem ganzen national
besoffenen Volk in ihrer rechten Ecke stehen gelassen werden. Wo deutsche
Muttis auch noch ihre Kleinen als Aushängeschilder ihrer vaterländischen
Gesinnung verwenden, machen sich die Braunen mit ihren völkischen Runen und
Riten ja nur noch „lächerlich“ – da kommt auch noch der demokratische Geschmack
des Dichters voll auf seine Kosten. Einerseits. – Denn andererseits kann einer
wie er sich bei dieser „spontanen“ patriotischen Aufwallung anlässlich
einer Sportveranstaltung dann doch nicht ganz sicher sein, ob das, was da so
schön aufwallt, wirklich Patriotismus ist. Der Kanzlerin Wort vom „unverkrampften
Patriotismus“ mag er sich daher nur höchst bedingt anschließen:
„‚Unverkrampft‘ stimmt auf jeden Fall. ‚Patriotismus‘
klingt mir jetzt ein bisschen draufgesetzt, weil es bei vielen sicher unbewusst
geschieht. Aber sie sehen Anlass, Flagge zu zeigen. Das reicht doch schon mal,
ja? Da sich sonst wenig Anlass bietet, Flagge zu zeigen, lädt der Sport und die
sportliche Veranstaltung dazu ein. Mein Begriff von Patriotismus beruht auf
einer Formel, die der Philosoph Jürgen Habermas erfunden hat und die – leider –
nicht angenommen worden ist: der Verfassungspatriotismus. Ich brauche
für Patriotismus keinen Fußball.“
Tja, Volk, wirst
deine niedere Natur auch dann nicht los, wenn du für deinen Nationaldichter
einmal alles richtig machst: Zu wahrem Patriotismus fehlt dir einfach die
Klasse. Dein Patriotismus entfährt dir allzu oft „unbewusst“, wie ein
Furz, und auch das nur, weil gerade ein „Anlass“ da ist. Die echte
patriotische Gesinnung aber braucht keinen Anlass, schon gar nicht einen so
primitiven wie Fußball. Wer sein Vaterland wirklich liebt, muss schon die wahre
sittliche Größe seines demokratischen Gemeinwesens einmal erfasst und auf Dauer
verinnerlicht haben. Und das können halt nur wenige, vorneweg diejenigen, die
als Dichter und Denker die Verwalter der höchsten Werte und daher in der Lage
sind, sie in der Verfassung der je eigenen Nation aufs trefflichste
verwirklicht zu sehen. So jemand bekennt sich dann nicht nur aus einer
spontanen Laune heraus und nur für einen Monat, sondern tagaus, tagein und bei
jeder sich bietenden Gelegenheit zu „Deutschland!“ als dem wirklich
Wesentlichen aller seiner Belange wie der aller anderen. Der braucht sich die
Flagge nicht umzuhängen, weil er Schwarzrotgold als Substanz in sich fühlt. Er
fällt daher im Stadion nicht einfach so in den Chor der Hymne ein, sondern
singt sie, verfassungspatriotisch gestimmt, aus vollem Herzen mit, weil er „diese
Strophe [Einigkeit und Recht und Freiheit …] mag“. Davon, liebes Volk,
bist du weit weg. Ansonsten aber, wie gesagt, war dein Auftritt so schlecht
nicht, und „das reicht doch schon mal, ja?“ – fragt sich nur, wofür die
„fröhliche Art und Weise“, beim Sport „Flagge zu zeigen“, nach
des Dichters Meinung sonst noch alles reichen, wozu das der Auftakt gewesen
sein soll…
Lesetipps:
„Das Volk – eine furchtbare Abstraktion“ in: GegenStandpunkt 1‑06
Der aktuelle
GegenStandpunkt – Nr. 2‑06 – ist im Buchhandel,
ältere Nummern sind beim GegenStandpunkt-Verlag
erhältlich.