Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 2. Oktober 2006

Vor dem Eintreffen der Bundesmarine an der nahöstlichen Front
ein Rückblick auf Grund und Ergebnis
des Krieges Israels gegen den Libanon

Deutschland schickt die Marine nach Nahost. Politiker aller Couleur feiern dies als „historische Stunde“. Worum geht’s eigentlich bei diesem Einsatz?

Gemäß dem Auftrag der UNO soll der Frieden zwischen Israel und dem Libanon gesichert werden, das heißt zunächst einmal: das Kriegsergebnis. Denn die israelische Armee hat Fakten geschaffen: den Libanon in Schutt und Asche gelegt, Hisbollah zwar nicht vernichtet, aber gehörig dezimiert. Diese Fakten werden jetzt von der „internationalen Gemeinschaft“ als Rechtslage festgeschrieben. In einer einstimmig verabschiedeten UNO-Resolution geben die maßgeblichen Weltmächte den Kriegszielen Israels Recht und beauftragen die v. a. mit „robusten“ Truppen aus EU-Staaten aufgestockte UNO-Mission UNIFIL damit, diesem Rechtsstandpunkt praktische Geltung zu verschaffen.

Auslöser für den vorläufig letzten Nahost-Krieg war diesmal die Gefangennahme von 3 in Gaza und im umstrittenen Grenzgebiet zum Libanon operierenden Soldaten der israelischen Armee durch die palästinensische Widerstands­gruppe Hamas und die libanesische Hisbollah, sowie der sporadische Beschuss israelischen Staatsgebiets durch diese militanten Gegner mit ungelenkten Kleinraketen.

Diese Akte kriegerischen Widerstands gegen die Abschnürung des geräumten Gazastreifens, gegen die fortwährende israelische Besetzung der 1967 eroberten Gebiete und gegen die Unterdrückung der dort lebenden Bevölkerung, nahm Israel zum Anlass, anderes und weit mehr zu erledigen, als die Befreiung der Gefangenen und die Beendigung der Raketenangriffe. Es antwortet mit einem 4 Wochen dauernden Bombardement und einem massiven Einmarsch in den Süden des Libanon, sowie mit einem unter diesen Umständen von der Welt kaum mehr beachteten Verhaftungs- und Liquidierungsfeldzug gegen die Hamas in Gaza, die sich gerade in Wahlen als politische Vertretung der Palästinenser durchgesetzt hatte.

Den Krieg führte Israel unter dem Rechtstitel der „legitimen Selbstverteidigung“. Dieser Titel auf gerechten, vom Völkerrecht gedeckten Krieg wird Israel von der westlichen Welt – vor allem von den USA und Deutschland – auch rundherum zugestanden, nicht jedoch den palästinen­sischen Widerstandsgruppen, die ebenfalls auf „legitime Selbstverteidigung“ plädieren, nämlich gegen Unterdrückung und Besetzung durch eine fremde Macht.

Das Äußerste an Kritik, das sich Israel z. B. aus Deutschland dafür einfing, dass es – nach eigenen Auskünften – „den Libanon um 20 Jahre zurückbombte“, war das Bedenken, ob es bei seiner „gerechten Selbstverteidigung“ nicht zu weit gegangen sei und die gebotene „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ verletzt habe. Dieser Vorwurf ist so zynisch wie das Ideal eines „verhältnismäßigen“ Kriegs, das ihm zugrunde liegt, und außerdem ignorant, weil er den Krieg im Prinzip billigt, von seinem Zweck, der die angewandten Mittel heiligt, aber nichts wissen will. Von gleicher Art ist die gerne aufgestellte Forderung, die Zivilbevölkerung zu schonen: Man unterschreibt damit den guten militärischen Sinn des Krieges unter der einzigen Bedingung, dass er nur den richtigen Opfern wehtut. Dabei wird Israel das Kriegsziel staatlicher Selbstverteidigung abgenommen, ohne sich die Mühe zu machen herauszufinden, was da eigentlich verteidigt wird.

So schwer ist es ja nicht herauszufinden, worum es Israel geht: Es lässt sich Widerstand gegen seine militante Staatsgründung nicht bieten. Nach der ursprünglichen Landnahme des von anderen Volksgruppen bewohnten und anderen politischen Mächten beherrschten Terrains, nach mehreren Kriegen gegen alle umgebenden Staaten, die sich von der neuen Macht verdrängt sahen, sind nur noch nichtstaatliche Widerstandsgruppen verblieben, die nicht bereit sind, ihren Frieden mit der noch immer nicht abgeschlossenen israelischen Expansion und mit der Vertreibung und Unterdrückung der dort ansässigen Bevölkerung zu machen, die Israel als „Heimstatt der Juden“ nicht als Teil seines Staatsvolks haben will. Die militanten Palästinenser werden, gerade weil sie keinen wirksamen und schon gleich keinen die staatliche Existenz Israels bedrohenden Widerstand zustande bringen, zu Terroristen, zu rechtlosen Verbrechern erklärt, denen man weder ein politisches Anliegen noch den Status von regulären Kriegsgegnern zuerkennt und die man entsprechend behandelt. Für die Vernichtung des Widerstands nimmt Israel dann auch den ganzen Libanon und die ansonsten kooperationswillige Palästinenserbehörde in Haftung. Sie schaffen es nicht, Hamas oder Hisbollah zu entwaffnen – also wollen sie es nicht ernsthaft genug und werden dafür bestraft, dass sie den im Interesse Israels fälligen Bürgerkrieg scheuen.

Es wäre also nicht so schwer, zur Kenntnis zu nehmen, was „Selbstverteidigung“ heißt, wenn eine staatliche Hoheit diesen Titel in Anspruch nimmt: Der Staat Israel opfert nicht wenig jüdisches und selbstverständlich noch viel mehr nichtjüdisches Leben, wenn er für seine Sicherheit sorgt und die politischen Kräfte vernichtet, die sich gegen seine Landnahme stellen, wenn er alle Staaten in der Nachbarschaft davon abschreckt, gegen Israel noch unbefriedigte Rechtsansprüche hochzuhalten oder den verbliebenen Widerstandsgruppen Deckung, Rückzugsräume oder Waffenhilfe zukommen zu lassen. Die Sicherheit Israels ist erst gewährleistet, der Frieden, den diese regionale militärische Supermacht schafft, ist erst fertig, wenn ihm die ganze Region unterworfen ist, wenn nichts mehr gilt als israelische Ansprüche, solche auf territoriale Expansion wie solche auf die Botmäßigkeit der Palästinenser und aller Nachbarstaaten.

Dabei reklamiert Israel für sich eine Sonderstellung in der Staatenwelt. Mit dem moralischen Hammer „Holocaust“ nimmt es ein besonders unverletzliches Recht auf nationale Sicherheit in Anspruch und verlangt von aller Welt, es anzuerkennen und sich in seinen Dienst zustellen: eben um den Überlebenden der Schoa eine sichere Heimstatt zu bieten. So ungewöhnlich ist, was Israel mit seinen arabischen Nachbarn treibt, in der Welt der Staaten aber gar nicht. Wenn Staaten ihre Sicherheit bedroht sehen, sei es durch andere Staaten oder durch nichtstaatliche Kämpfer, und darauf mit Krieg antworten, dann lassen sie sich in ihrer Kriegführung Schranken nur gefallen, wenn sie sich von überlegenen Mächten dazu genötigt sehen. Besonders am jüdischen Staat ist nur, dass seine gewaltsame Landnahme immer noch nicht abgeschlossen ist, er sich also seine Feinde erhält und immer neu schafft – und dass er es auf Grund seiner haushohen militärischen Überlegenheit nicht nötig hat, mit ihnen einen Frieden zu schließen, der auch ein Moment israelischer Selbstbeschränkung und Bescheidung enthielte. „Land für Frieden“, wie es einige Jahre Parole, aber nie wirklich Staatsprogramm war, kommt heute nicht mehr in Frage. Und zwar nicht wegen des Holocausts und einer allgemeinen moralischen Anerkennung eines Sonderrechts der Kinder und Kindeskinder seiner Opfer, sondern weil der israelische Dauerkrieg gegen seine Nachbarn der amerikanischen Revolutionierung des nahöstlichen Staatensystems so wunderbar ins Konzept passt, Waffen und Geld und weltpolitische Rückendeckung also nicht ausgehen.

Die USA lassen nämlich ihren ältesten und verlässlichsten Verbündeten in der Region kämpfen – in der doppelten Bedeutung des Wortes ‚lassen‘: Die Adressaten des israelischen Vernichtungskriegs, Hisbollah und Hamas, fallen für die USA unter die im „Krieg gegen den Terrorismus“ für vogelfrei erklärten Terrororganisationen, denen jeder politische Existenzgrund abgesprochen wird, die also bloß „antiamerikanisch“ sind, weil sie „unsere Werte hassen“. Syrien und Iran sind nach amerikanischer Definition „Schurkenstaaten“, weil sie als Gegner amerikanischer Kommandohoheit über die nahöstliche Staatenwelt nicht von der Unterstützung solcher Organisationen ablassen wollen. Dadurch dass Israel diese Gruppierungen dezimiert, schwächt es gleichzeitig die Unterstützer, die mit diesen bewaffneten Organisationen ihre politischen und militärischen Einwirkungsmöglichkeiten verlieren. Weil Israel den Amerikanern als Sponsoren und Ausrüstern ihre militärische Überlegenheit von Streubomben für einen länger andauernden Terror gegen die arabische Zivilbevölkerung bis hin zu den Wuchtbrummen zur Zerstörung „unterirdischer Kommandozentralen“ verdankt, bleibt Washington der letztendlich zuständige Entscheidungsträger über Krieg und Frieden im Nahen Osten. Für die USA hat das eine sehr willkommene Wirkung: Die von der überlegenen israelischen Militärmaschinerie vorgeführte Ohnmacht der Staaten in der Region bringt die USA in die Position der einzigen Macht, die Israel zum Waffenstillstand „überreden“ kann, deren strategischen Wünschen sich daher die arabischen Nachbarstaaten unterwerfen müssen, wollen sie die Gegnerschaft Israels loswerden, der sie nicht gewachsen sind. Die Europäer hingegen wurden durch die Eröffnung des Libanonkrieges ausgemischt und mussten an der angesichts des Libanonfeldzugs kaum mehr beachteten Front der israelischen Streitkräfte gegen die palästinensischen Gebiete ohnmächtig zusehen, wie die letzten Reste von EU-Hilfe für die Palästinenser-Autonomie im Gazastreifen zerstört werden.

Die Entsendung der blauen Jungs von der Bundesmarine in libanesische Hoheitsgewässer ist also eine günstige Möglichkeit, in der Region wieder mitzumischen. In Deutschland geht das natürlich nicht ohne die moralische Überhöhung, auch hierbei handle es sich immer noch um einen Akt der Wiedergutmachung an den überlebenden Juden. Das „Land der Täter“ ergreift die Gelegenheit, sich im Namen der „Verantwortung für den Frieden“ mit Wachdiensten am israelischen Sicherheitsbedürfnis zur militärischen Aufsichtsmacht auch im heiß umkämpften Nahen Osten aufzuschwingen. Und das alles, weil „wir“ einmal die Juden ermordet haben? Es lohnt sich, die verlogene Vermischung der Wiedergutmachungsmoral mit den imperialistischen Berechnungen in einer der nächsten Analysen zu entwirren.


Lesetipp:
34-Tage-Krieg im Libanon
Israel verteidigt sein Existenzrecht als regionale Supermacht
In GegenStandpunkt 3-06.
Erhältlich im Buchhandel oder beim GegenStandpunkt Verlag

Inhalt:
I. Kriegszweck und Kriegsgründe Israels
  Die Kriegsziele
  Die Kriegsgründe
II. Das Kriegsinteresse der USA
  Die Feinde Israels sind auch die der USA
  Der doppelte Dienst Israels am amerikanischen Weltordnungsimperialismus
III. Die Militanz der Milizen
  Terrorismus als Waffe eines ohnmächtigen kämpferischen arabisch-islamischen Staatswillens
  Widersprüche eines Wegs zwischen Widerstand und Anpassung unter der Bedingung des Anti-Terrorkriegs


Der mp3-Mitschnitt unserer 50-minütigen Sendung im Freien Radio für Stuttgart zu diesem Thema ist herunterzuladen von
http://freie-radios.info/portal/content.php?id=14016,
das Sendeskript steht unter
http://frs.kumbi.org/redaktionen/keinkommentar/index.php?artikel=060927.htm und
http://www.neusser-monat.de/texte/1_06/Nahost-Konflikt4.html

 



 www.neusser-monat.de (19.10.2006)