Albert Krölls: Kritik
der Psychologie
Moderne Menschen pflegen einen distanzierten Umgang mit der Religion. Mittelalterliche Riten, autoritäres Gehabe und rückständige Moralvorstellungen sind ihnen als aufgeklärte Demokraten suspekt. Trotzdem wollen sie nicht auf Serviceleistungen verzichten, die ehedem die Religion gewährleistete. Trost, Lebenshilfe und einfache Erklärungen für das Treiben der Menschheit scheint auch das Individuum in den turbulenten Zeiten der Globalisierung zu gebrauchen.
Die Psychologie mit allen Unterabteilungen hat sich in diesem Sinne seit dem letzten Jahrhundert der Erforschung und Betreuung der Seele angenommen, die nach ihrer Ansicht mindestens einer ebenso guten Pflege bedarf wie der sie umschließende Körper. Ganz auf der Höhe der Zeit vertreibt sie ihre Forschungsergebnisse und Therapievorschläge als Derivate wissenschaftlicher Arbeit, die an staatlichen Hochschulen gefördert und in der freien Gesundheitswirtschaft in gutes Geld umgesetzt wird.
Albert Krölls, Sozialwissenschaftler und Professor für Recht und Verwaltung in Hamburg, hat die wichtigsten psychologischen Theorien nach ihrer Stichhaltigkeit und gesellschaftlichen Nützlichkeit hin untersucht, und sein Urteil ist eindeutig. Im Untertitel seines Büchleins „Kritik der Psychologie“, kürzlich erschienen beim VSA-Verlag, heißt es anlehnend an einen bekannten Spruch: „Das moderne Opium des Volkes“.
Der psychologisch gebildete Mensch hat mit seiner Lebensperspektive als lohnabhängiger Knecht des Kapitals in der Regel keine Probleme. Ihm gelingt es, seine Wünsche und Erwartungen den harten Bedingungen der kapitalistischen Realität anzupassen und seine Befriedigung in der Erfüllung seiner gesellschaftlichen Pflichten zu finden.
Wenn dieses mal nicht klappen sollte, weiß er den Schuldigen zu benennen. Nicht die Verhältnisse, die ihm das Leben schwer machen, sind verantwortlich zu machen und zu beseitigen. Vielmehr befindet sich der Schweinehund mitten in seiner Psyche.
Die Wissenschaft der Psychologie liefert für das Bedürfnis nach
Zurechtkommen in der kapitalistischen Gesellschaft eine sachadäquate Theorie
des Willens. Dieser Theorie zufolge ist der Wille des Menschen keinesfalls das
einfache Resultat seiner Absichten und Beschlüsse. Vielmehr ist sein Handeln
determiniert durch innere und äußere Bedingungen: Triebe,
Reiz-Reaktions-Mechanismen, Dispositionen, Verhaltensmuster, Umwelteinflüsse
etc. Ihr Wissen um die geheimen Wirkkräfte der Seele gewinnen Psychologen
vornehmlich dadurch, dass sie die Handlungen der Subjekte in deren „seelisches
Innenleben“ reflektieren und das praktische Tun als Äußerung der inneren
Möglichkeit dazu bestimmen. So erklären sie auf mustergültig tautologische
Weise das Reich der menschlichen Aktivitäten durch ebenso viele gleichnamige
Antriebe: den Krieg und andere Gewalttätigkeiten aus einem Aggressionstrieb,
die Ausübung von Macht aus dem Machtstreben u.s.w.
Auf dem Seziertisch Krölls finden sich die Größen der psychologischen Forschung. Neben dem eben erwähnten Sigmund Freud darf Burrhus Frederic Skinner nicht fehlen. Die scheinbar so unversöhnlichen Brüder der Psychologie eint die Ignoranz des freien Willens. Während der eine dem Unterbewussten die entscheidende Bedeutung für das Handeln beimisst, ist für den anderen der Mensch ein „Vollzugsorgan der auf ihn einwirkenden Umweltreize“ (Krölls), der – analog zu Freud – nun selbstbestimmt den Erfordernissen der Welt sich unterordnet.
Dass es auch kritische Psychologen gibt, bleibt Krölls nicht
verborgen. Klaus Holzkamp sieht als Kritiker von Adorno nicht den autoritären
Charakter sondern das „brüderlich-fortschrittliche() Wesen des Homo sapiens“
(Krölls) tief im Menschen verankert. Das ausländerfeindliche Bewusstsein
diagnostiziert er als Resultat eines Verführungs- und Bestechungswerks des
bürgerlichen Staates zur Herstellung staatsbürgerlicher Loyalität. Die
Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Gründen, die die Ausländerfeinde
zu ihren Taten treiben, hat sich somit erledigt.
Der Patient beim Psychoanalytiker, der mit sich und der Welt
nicht zurecht kommt, sucht die Ursache seines Versagens in seiner eigenen
Person. Mit hanebüchenen Theorien über unbewusste
unangenehme frühkindliche Erfahrungen und deren Folgen, auf die das Opfer nun
die Ursache seiner Fehlfunktionen schieben darf, versucht der Therapeut dem
Patienten das Aushalten seiner misslichen Situation erträglich zu machen und
seine Funktionsfähigkeit zu erhalten.
Gesprächs- und Verhaltenstherapeuten steigen nicht so tief in
die Abgründe des Seelenlebens hinab. Deren Aufgabe besteht darin, den Klienten
zu überzeugen, seine überzogene Anspruchshaltung aufzugeben und die schlechten
Erfahrungen als Teil seiner Identität zu akzeptieren.