Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 19. März 2007
GegenStandpunktKein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 23. Mai 2007

Menschheitskatastrophe Klimawandel (Teil 1/3)

Jeden Tag und auf allen Kanälen: „Vor uns die Sintflut“ (FAZ, 25.11.06), „Achtung Weltuntergang – Wege aus der Treibhausfalle“ (Spiegel Nr. 45/2006) – und wir alle sind aufgerufen, uns des „drängendsten Umweltproblems unserer Zeit“ anzunehmen. Der „Weckruf“ dafür ertönte bereits Ende letzten Jahres aus London:

Kein Ökoromantiker und kein Maschinenstürmer, sondern Sir Nicholas Stern, der frühere Vizepräsident der Weltbank, der Wirtschaftsberater der britischen Regierung, Verfasser einer Studie, die auf Erkenntnissen der besten Klimaforscher beruht, die je an Universitäten ausgebildet wurden“ (FAZ 25.11.06)“ „hat komplexe physikalische Prozesse in eine Einheit umgerechnet, mit der die Menschen täglich umgehen: Geld. Stern hat dem Schrecken des Klimawandels ein Preisschild aufgeklebt. […] 5,5 Billionen Euro könnte es kosten, wenn die Menschheit weiterhin so gewaltige Mengen von Klimagasen in die Atmosphäre pumpt.“ (Spiegel, 45/2006)

Wenn nicht ganz schnell was getan wird, ist die Katastrophe unausweichlich. Und wodurch wird sie hervorgerufen? Durch die naturwüchsige Wirkung „eines CO2-bedingten Treibhauseffekts“. Um sich vor dem zu fürchten, muss man allerdings einiges ausblenden – nämlich die Geldökonomie der herrschenden Wirtschaftsweise und ihre Sachnotwendigkeiten, die auf dem Erdball das Leben und seine Not diktieren und die schon ganz ohne Klimaerwärmung dafür sorgen, dass ganz Schwarzafrika den Status eines Armenhauses und „leidgeprüften Hungerkontinents“ in der globalen Marktwirtschaft nicht los wird. Erst recht erübrigt sich die Nachfrage, ob es nicht einen gewissen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und „Menschheitskatastrophe“ gibt – schuld sind „wir alle“: „Der Mensch hat erstmals selbst an den globalen Thermostaten gedreht und sich damit in Bedrängnis gebracht.“ (tagesschau.de, Dossier: Klimawandel) Die wirtschaftlichen und politischen Interessen, ihre Subjekte und Kalkulationen kommen erst einmal gar nicht vor, auch wenn es nicht „der Mensch“, sondern genau diese Interessen es sind, die z. B. die nationale Energieversorgung mit dem Einsatz reichlich „fossiler“ Energieträger betreiben, weil das für sie bislang die konkurrenzlos billige Energiequelle für das Wachstum eines gewinnträchtigen nationalen Wirtschaftsleben ist. Nicht „der Mensch“, sondern sie nutzen z. B. ausgiebig die Atmosphäre als eine kostenlose Abgasdeponie für Kohlendioxid und andere ungesunde Emissionen eines kapitalistischen Verbrennungs­prozesses. Wenn die Rede von „unserer Art zu wirtschaften“ ist, dann bleibt als knallharte Systemanklage nur stehen: „Der industrialisierte Mensch“ mit seinem „rücksichtslosen“ Verbrauch von Energie, erzeugt aus viel zu „kohlenstoffhaltigen“ Energieträgern, sorgt für den verheerenden „anthropogenen Einfluss“ auf das Erdklima.

Nachdem das einmal klargestellt ist, kommt die Rede dann doch auf den Kapitalismus – aber wie! Das Publikum ist aufgeschreckt worden und soll sich als nächstes fragen, was das denn jetzt eigentlich bedeutet und was damit wirklich an Bedrohlichem auf es zukommt. Wirklich bedroht ist unsere schöne Wirtschaftsweise, betroffen ist in erster Linie der Kapitalismus, weil der nämlich – von dessen Funktionieren bekanntlich alles abhängt – die ernstesten Schäden hinzunehmen hat. Das fängt beim fehlenden Schnee an. Dass man wegen zu milder Winter nicht mehr Skifahren kann, mag bedauerlich sein, aber wirklich an den Kragen geht es dem Kommerz der Tourismusindustrie, wenn bei „uns“ laut OECD-Studie nur noch zwei Wintersportorte übrig bleiben. Das gibt zu denken und ist zudem nur der Anfang. Das weltweite Geschäft leidet ganz gewaltig unter zu heißen Sommern, schmelzenden Gletschern und Meeresübersäuerung! Das ist das Drängende am „drängendsten Umweltproblem unserer Zeit“: Klimazerstörung kostet – Geld, viel Geld, und sie kommt „unseren“ Volkswirtschaften und ihrem Wachstum in Zukunft teuer zu stehen. Selbstverständlich dann auch für die, die als „unselbständig Beschäftigte“ davon betroffen gemacht werden. Genau der Zweck, um den sich weltweit in diesem Laden alles dreht und für den Mensch und Natur dienstbar und haftbar gemacht werden, nimmt Schaden und ist deshalb das schützenswerte Opfer, wenn der weltumspannende Kapitalismus mit seinen ungesunden Emissionen auch noch die bis dato einigermaßen intakte Atmosphäre versaut. Der rücksichtslose marktwirtschaftliche Gebrauch von Mensch und Natur zahlt sich am Ende nicht aus – ein ganz klarer Fall „von größtem Marktversagen, das es je gab.“ (Nicolas Stern) Das muss wachrütteln. Die dafür Schwindel erregenden Zahlen hat Sir Nicholas, der locker Windgeschwindigkeiten in Euros messen und „komplexe physikalische Prozesse“ in ganz handliche volkswirtschaftlich relevante Schadensgrößen übersetzen kann, mit Hilfe der Versicherungsmathematik hochrechnen lassen: Auf 5,5 Billionen Euro, auf sage und schreibe bis zu „20 % ihrer gesamten Wirtschaftskraft“ (Spiegel) beläuft sich für deren Privateigentümer der maßgebliche Schaden durch den Klimawandel. Eine solche drohende „Superrezession“ hält keine anständig funktionierende freie Marktwirtschaft mehr aus! So lautet der kritische Einwand gegen das ökologische Zerstörungswerk, das von eben dieser Marktwirtschaft angerichtet wird, und das ist das schlagendste Argument für die Notwendigkeit und Möglichkeit von mehr Klimaschutz in dieser bekanntlich besten aller Welten.

3. Nach dieser schlechten Nachricht durch Sir Nicholas können Spiegel & Co. das besorgte Publikum mit einer „frohen Botschaft“ überraschen: Der Teil „der Menschheit“, der die „Wirtschaftskraft“ kommandiert und von ihr profitiert, wird in Zukunft kaum mehr umhin können, dem Klimaschutz einen höheren Rang in seinen Wachstumsrechnungen einzuräumen als bisher – aus purem Eigennutz. Auch das hat der Sir herausgefunden: Klimaschutz kostet weniger, als man glaubt, und rechnet sich fürs Geschäft mehr, als man denkt. Diese Versöhnung von Ökologie und Ökonomie macht Hoffnung für den Globus.

Stern macht ganz nüchtern eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: Investitionen von einem Prozent der Weltwirtschaftskraft jährlich würden bereits reichen, um das Schlimmste noch abzuwenden. […] Der Erde werde ein Hitzeschock um fünf Grad Celsius oder gar noch mehr erspart. Stattdessen komme sie mit einer Erwärmung um zwei oder drei Grad davon. Wer auch das verhindern will, dem explodieren die Kosten. […] Dies ist seine frohe Botschaft. Die Investitionen in den Klimaschutz betrachtet er als riesiges Subventionsprogramm. Es werde die Wirtschaft zur neuen, grünen Blüte treiben. ,Die Märkte für klimaschonende Technik könnten 2050 schon 550 Milliarden Dollar groß sein‘, frohlockt Stern.“ (Spiegel, 45/2006)

Wie viel an Rettung des Weltklimas in unserem feinen Wirtschaftssystem überhaupt geht, das richtet sich selbstverständlich ganz danach, ob sich der Aufwand für den Klimaschutz volkswirtschaftlich rechnet: Will man ökologische Schäden, die das freie Marktwirtschaften stiftet, verhindern, so stellt das in der gültigen Rechnungsweise eine Kostenbelastung dar – und die hat sich natürlich durch einen Nutzen zu rechtfertigen. Klimaschutz muss das Bruttosozialprodukt schützen und darf sich deshalb keinesfalls zur „Kostenexplosion“ für es auswachsen. Die Beschädigung der Umwelt zu unterlassen oder gar rückgängig zu machen, ist Kapital-rechnerisch einfach nicht drin, es kann nur darum gehen, „das Schlimmste noch abzuwenden“ an Klimawandel – mehr Schutz für das Weltklima lässt sich realistischerweise aus dieser vernünftigsten Art zu wirtschaften nicht herausoptimieren und ist ihren Veranstaltern und Nutznießern auch nicht zuzumuten. Wie schlimm die ökologischen Schäden sind, das hat sein Maß natürlich darin, ob unseren Volkswirtschaften und ihrem globalen Bruttosozialprodukt ein Mehr an Rettung des Weltklimas gut tut. Wenn „ein Prozent Weltwirtschaftskraft bereits reichen“, um den von Nicholas Stern errechneten Schaden von bis zu „20 % an Weltwirtschaftskraft“ zu verhindern, dann ist damit auch in ökologischer Hinsicht auf jeden Fall die „Katastrophe“ abgewendet. Der Weltkapitalismus kann mit schlappen „zwei oder drei Grad“ Erderwärmung ganz gut leben, also ist auch die globale Fauna und Flora und die Menschheit mit solch einem Treibhaus gut bedient und noch mal davongekommen. Bis auf ein paar Hungerleider hin oder her: „Mit 40 bis 60 Millionen zusätzlichen Opfern allein in Afrika rechnet Stern bei einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad.“ (Stern laut Spiegel 45/2006)

Bei einer so wohldosierten und kostenoptimierten Säuberung der Atmosphäre kommt in einer freien Weltwirtschaft natürlich auch die private Bereicherung am Klimaschutz nicht zu kurz. Das ist ja auf der anderen Seite wiederum das Interessante am „Klimaschock“: In der Klimazerstörung des globalisierten Kapitalismus steckt ein riesiges Geschäftspotenzial, das es mit einem „technologiegetriebenen Umsteuern“ zu erobern gilt – wobei „immer strengere Grenzwerte“ ausnahmsweise willkommen sind. Welchem Wirtschaftsstandort in diesem Rettungsprogramm dabei mehr die Rolle des subventionierten Nutznießers von globalem Klimaschutz und welchem mehr die des Kostenträgers zufallen soll, das steht für unsere Öffentlichkeit am Standort des Klimaschutzvorreiters und Exportweltmeisters natürlich außer Frage. Da heißt es aufpassen auf die Klimaschädlinge in anderen Weltgegenden, die den dringend nötigen „Wettbewerb um Klimaschutz“ nicht blockieren dürfen, bloß weil sie an ihren Ertrag bzw. ihre Kosten denken. „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ ist das große Thema. – Dessen alles andere als versöhnlerischer Inhalt ist der Kampf der imperialistischen Nationen darum , wer hier den Vorreiter gibt und den anderen die Vorschriften machen kann.


 www.neusser-monat.de (16.06.2007)