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Die Landesregierung ist bei der Suche nach Einsparmöglichkeiten den
Studenten auf die Schliche gekommen. Dort werden Gelder für leistungsunwillige
Langzeitstudenten verschwendet, die zum Stopfen von Finanzlöchern erheblich
sinnvoller zum Einsatz kommen können. Darum sollen in Zukunft die "normalen"
Studenten ein wenig und die, die sich in ihrem Studentenleben häuslich
eingerichtet haben, ganz erheblich abgezockt werden.
Gleichzeitig betont der Ministerpräsident die enorme Motivationsleistung
seines Beschlusses: Wenn man den Studenten rechtzeitig den Geldhahn zudreht,
beenden diese ihr Studium eher und die Ausbildungskosten rentieren sich gesamtgesellschaftlich
gesehen schneller.
Das ist eine klare Ansage von Herrn Clement und ist frei von jedweder sozialdemokratischer
Beweihräucherung.
Sozialdemokratische Bildungsreform
Die Studenten sind erschrocken. Sie merken, dass die bildungspolitische Offensive
der Landesregierung dem einen oder anderen den Traum vom Elite-Job zerstört,
und melden Protest an, der ziemlich eigentümlich ausfällt. Sie versuchen,
die herrschenden Sozialdemokraten durch das Vorhalten ihrer eigenen Ideale
zu blamieren:
"In der Hochschulreform der siebziger Jahre war eine Öffnung der
Hochschulen insbesondere auch für Menschen aus sogenannten ‚bildungsfernen'
Schichten das Leitmotiv für weitreichende strukturelle Umgestaltungen
der Bildungslandschaft.
Studiengebühren stehen im krassen Widerspruch zu der damals auch von
sozialdemokratischer Seite geforderten und durchgesetzten Politik. ..."
(ASTA der FH in der TERZ 6/02)
Da haben wohl die Studenten so einiges missverstanden. Die sozialdemokratische
Politik gehorchte vor 30 Jahren den gleichen Prinzipien wie heute. Auch damals
ging es den Bildungserneuerern um Effizienz im Bildungswesen. Und da stieß
ihnen unangenehm auf, dass vor allem im Ruhrgebiet eine erkleckliche Anzahl
von potentiellen Elite-Bürgern aus der Arbeiterschicht der Gesellschaft
durch die Lappen geht, weil dort die entsprechenden Bildungseinrichtungen
fehlen. Flugs wurden Gesamtschulen eingerichtet, (Gesamt)Hochschulen im Pott
gegründet und ausgebaut. Das hatte aber nichts mit der geforderten "Bildung
für alle" zu tun. Vielmehr war verschärfte Selektion unter
allen bundesdeutschen Jungbürgern angesagt. Da das Aufbrechen des starren
dreigliedrigen Schulsystems natürlich auch zahlenmäßig die
Anwärter auf Studienplätze erhöhte, mussten Eignungsprüfungen
und Numerus clausus zwischen Abitur und Studium als Trennmittel eingebaut
werden. Die Jobs der Elite sind eben rar gesät.
Bildung im Kapitalismus
Dass der Staat den Jungbürgern eine Ausbildung zukommen lässt,
hat was - wie wir Marxisten so sagen - mit seiner Aufgabe als "ideeller
Gesamtkapitalist" zu tun. Er gewährleistet durch einen von der Privatwirtschaft
im Prinzip nach unabhängigen Ausbildungssektor dafür, dass Wissenschaft
und Forschung nicht nach den unmittelbaren Profitinteressen ausgerichtet sind.
Durch die Trennung vom Einzelkapitalisten stellt er das Wissen so der gesamten
Kapitalistenmannschaft zur Verfügung. Damit trägt er zum langfristigen
Erfolg des nationalen Kapitalstandortes das Seinige bei.
Das staatlich organisierte Hochschulwesen produziert qualifiziertes Personal
für die mittleren und hohen Führungsebenen der Gesellschaft.
Und das kommt dabei heraus:
Gutbezahlte Funktionäre einer Klassengesellschaft, die damit beschäftigt
sind, als Manager die Ausbeutung zu organisieren, als Juristen die notwendig
anfallenden Friktionen und Verstöße der Eigentümer zu handeln,
als Lehrer die nachwachsende Jugend mit genügend Moral zu versorgen,
damit sie den Anforderungen dieser Gesellschaft gewachsen ist, als Sozialarbeiter
das anfallende Elend zu verwalten, als VWLer ständig auszurechnen, dass
das Lohnniveau zu hoch ist, als Naturwissenschaftler und Ingenieure immer
neue Tricks zu entwickeln, die kapitalistische Produktion zu befördern
...
Den Klassencharakter von Bildung aber wollen die streikenden Studenten nicht
kennen. In ihrer Propaganda verklären sie die "Bildung" in
ihrer abstraktesten Gestalt als Gemeingut für alle Angehörigen der
Gesellschaft, um in der Konkretisierung an die Volksgemeinschaft zu appellieren:
"Ohne Uni keine Straßenbahn, ohne Studis keine Unis, mit Gebühren
keine Studis." (Parole auf der Studentendemo am 8. Juni in Düsseldorf
- nach RP vom 10.6.)
Nebenbei bemerken die Studenten, wenn sie derartige Parolen verbreiten müssen,
die Differenz zwischen ihrem Stand und der gemeinen Bevölkerung. Zwar
klingt die Kritik von Bürgers Seite an den faulen Studenten, die eine
solch rosige Perspektive nicht verdient haben, ganz schön faschistisch,
aber die Studenten tun den Teufel, hier mal ein paar klärende Worte loszuwerden.
Was wäre schon dagegen einzuwenden, einfach mal ein bequemes Studentenleben
unter finanziell abgesicherten Umständen einzufordern. Davon könnten
sich die Proleten mal eine Scheibe abschneiden.
Die Linken und die Studentenrevolte
Seit Jahrzehnten haben die Linken ihren Kampf mit den geliebten Studentenmassen
auszutragen. Einerseits sehen sie in den verärgerten Kopfarbeitern potentielle
Sympathisanten und Mitstreiter, andererseits müssen sie erfahren, dass
beim Anstimmen von radikalen Tönen, die sich kritisch mit gesellschaftlichen
Bedingungen auseinandersetzen, die Studenten sich durch lautes Buhen oder
einfach durch Verlassen des Hörsaals bemerkbar machen. Dass die linken
Sprüche mit ihrem Bestreben, eine qualifizierte Ausbildung zu erhalten,
wenig zu tun haben, merken sie schon.
So manche linke Studentenvertretung hat daraus den Schluss gezogen, einfach
auf die ungeliebten linken Töne zu verzichten und sich trotzdem als leuchtende
Vorbilder an die Spitze der Bewegung zu setzen. Damit ihnen nicht einfach
Opportunismus vorgeworfen werden kann, verklären sie die Bewegung an
sich schon für eine fortschrittliche Angelegenheit aus der sich eventuell
sogar mal eine linke Perspektive entwickeln kann.
Allerdings müssen hier energisch Zweifel am Erfolg einer derartigen linken
Politik angemeldet werden. Was soll den faulen wie fleißigen Studenten
am System zweifeln lassen, das er als Bedingung für seinen Erfolg im
Leben auserkoren hat?
Der Student muss schon mit seinen bürgerlichen Vorstellungen vom höheren
Sinn seiner akademischen Tätigkeit brechen, um sich auf die Seite der
linken Rabauken zu schlagen.
Als Mittel zur erfolgreichen Einflussnahme empfiehlt der Autor darum die althergebrachte
Agitation mit ein paar vernünftigen Argumenten, von denen er einige in
diesem Artikel niedergeschrieben hat.
Zum Weiterlesen empfehlen wir einen - schon etwas älteren aber dennoch aktuellen - Artikel zur Bildungsreform von Margaret Wirth, Hochschullehrerin an der Universität Bremen: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/kombo/k_34bipo.htm
Margaret Wirth referierte vor einigen Jahren anlässlich des Brandanschlages in Solingen auf Einladung des Neusser Monat in der Aula der Janusz-Korczak-Gesamtschule zum Thema Rassismus.
www.neusser-monat.de (16.6.2002)