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Der Autor versucht sich mit einer "marxistischen"
Kritik der Proteste, die jedoch dieses Attribut nicht verdient. Der Artikel
unterstellt den Protesten das Motiv, daß für die Studierenden der
"Traum vom Elite-Job zerstört" werde.
Diese durch kein Argument belegte Behauptung zielt darauf, die Solidarität
mit den Studierenden zu torpedieren - ein Argumentationsmuster, das z.B. von
rechten Gewerkschaftsführern auch gegen die Lohnkämpfe der PilotInnen,
die als "Sozialdarwinismus einer kleinen Minderheit" bezeichnet
wurden, in Stellung gebracht wurde. Klassenkämpferische GewerkschafterInnen
und MarxistInnen haben demgegenüber die Forderungen und Kämpfe der
PilotInnen verteidigt. Dies gilt analog für die Kämpfe der Studierenden:
Sie sind unzureichend, aber legitim und vorwärtsweisend.
Der angebliche Marxist denunziert im Artikel die Studierenden als "qualifiziertes
Personal für die mittleren und hohen Führungsebenen der Gesellschaft",
als "Gutbezahlte Funktionäre einer Klassengesellschaft". Die
Einschätzung ist falsch, sie blendet die Heterogenität der Studierendenschaft
aus, sie ignoriert, daß große Teile derselben nach ihrem (abgebrochenen
oder abgeschlossenen) Studium als "akademisches Proletariat" unter
dem Kommando des Kapitals schuften müssen. Große Teile der Studierendenschaft
gehören also schon jetzt oder später selber der ArbeiterInnenklasse
an - oder können als BündnispartnerInnen gelten. Ich verweise in
diesem Zusammenhang auf die Analysen, die der "gewerkschaftlichen Orientierung"
des damaligen Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) und des Sozialistischen
Hochschulbundes (SHB) zugrunde lagen. Für unseren "Marxisten"
wäre es vielleicht auch hilfreich, die Nase in Lenins Aufsatz "Die
Aufgaben der revolutionären Jugend" zu stecken.
Weiter. Unser Autor glaubt, die Studierenden hätten etwas mißverstanden,
weil sie der Regierungspartei SPD ihre früheren Aussagen zur Bildungspolitik
um die Ohren hauen. Es folgt sodann eine weitgehend richtige Charakterisierung
der Rolle der Bildung im Interesse der Kapitalistenklasse. Was unser Autor
jedoch mißverstanden hat, ist das Verhältnis von kapitalistischen
Interesse einerseits zur Politik der bundesdeutschen Parteien, namentlich
der SPD in den 1970er Jahren, andererseits. Die Reformen der 1970er Jahre
waren eben auch das Ergebnis der Kämpfe der ArbeiterInnenbewegung und
der Studierendenbewegung. Der Kapitalismus funktioniert bewiesenermaßen
sehr gut mit einer reaktionären, ausgrenzenden, hochselektiven Bildungspolitik
nach dem Modell Bayern. Daß die SPD damals eine andere Politik betrieb,
ist ein einerseits ihrer damaligen personellen Zusammensetzung sowie ihrer
sozialdemokratischen Programmatik, andererseits dem auf ihr lastenden Druck
von links geschuldet gewesen. Die soziale Zusammensetzung des SPD-Funktionärskörpers
hat sich geändert, die Programmatik der SPD ist nicht mehr sozialdemokratisch
und der Druck von links kaum existent. So, wie der Autor diese Dialektik nicht
begriffen hat, hat er auch nicht verstanden, dass es ist sinnvoll ist, auf
den Unterschied zwischen den Versprechungen der SPD und ihrer Praxis hinzuweisen,
um Illusionen in die Politik von SPD (und Grünen) zu zerstören.
Die mehreren tausend Studierenden, die am 18. Juni die Bannmeile des Landtages
durchbrachen, die versuchten, unter Polizeiknüppeln den Landtag zu stürmen
und dabei "Wer hat uns verraten ? Sozialdemokraten! Wer ist mit dabei
? Die grüne Partei!" skandierten, haben in ihrer negativen Kritik
einen Teil des Illusionsverlust formuliert. Und das ist gut so.
Das zentrale Dilemma des Autors wird in dem Satz "Was soll die faulen
wie fleißigen Studierenden am System zweifeln lassen, das sie als Bedingung
für ihren Erfolg im Leben auserkoren haben?" deutlich. Zwar ist
es falsch, daß die Studierenden sich das kapitalistische System auserkoren
hätten - aber die Frage ist berechtigt. Die Antwort, die dem Autoren
gegeben werden kann, lautet - in alter marxistischer Manier - Aktion und Agitation.
Es ist die Aufgabe der radikalen Linken, die Kritik der Studierenden an Studiengebühren
mit der Kritik des kapitalistischen Systems zu verknüpfen. Diese Kritik
muß verständlich und nachvollziehbar formuliert werden - sonst
ist die Reaktion "den Hörsaal verlassen" vorprogrammiert. Die
Kritik am kapitalistischen (Bildungs-) System ist jedoch in Zeiten des "Normalzustandes"
schwieriger unter die Menschen zu bringen als in Zeiten des Protestes - schon
aus diesem Grund sind die Aktionen der Studierenden unbedingt zu befürworten.
Darüber hinaus ist es die Aufgabe der radikalen Linken, dem Protest eine
Richtung zu geben, die Schwachstellen des Gegners herausfinden, BündnispartnerInnen
zu benennen. Daß hierbei die Linke nicht den objektiven Erfordernissen
genügt, ist bedauerlich, aber nur durch Eigenengagement zu verändern.
Weiter. Der Autor verkennt nicht nur die Bedeutung des Protestes für
die Herausbildung antikapitalistischen Bewußtseins, und kann die Rolle
der organisierten Linken in diesem Prozeß nicht fassen, er "vergißt"
auch die materielle Seite des Konfliktes. Der Angriff der Landesregierungen
auf "Langzeit"-Studierenden zielt auch auf diejenigen unter den
Studierenden, die während ihrer Studienzeit politische Arbeit in größerem
Umfang leisten. Der Angriff auf "Langzeit"-Studierenden ist ein
Angriff auf das AktivistInnen-Reservoir der reformistischen und radikalen
Linken. - ganz zu schweigen von drohenden Verlust von linker Infrastruktur.
Dies nicht zu benennen, ist Ausdruck der moralisierenden Denkweise unseres
weltverbessernden Autors.
Wer als MarxistIn etwas Nützliches tun will, sollte sich überlegen,
wie die Proteste der Studierenden unterstützt werden können, wie
der geplanten Spaltungspolitik der Landesregierung (Zurückweichen bei
"Normalzeit"-Studierenden - Härte bei "Langzeit"-Studierenden)
begegnet werden kann, wie marxistisches Bewusstsein verbreitert werden kann:
"Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand
aufhebt." Karl Marx
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