Studentenstreik:
Eine ziemlich elitäre Sache!

"Studiengebühren führen aus Sicht des AStA zu Selektionsprozessen, schon jetzt stammen nur 10 Prozent der Studierenden aus Arbeiterhaushalten."
Das ist eure größte Sorge?
Mal ehrlich: Gerade wegen der Selektion studiert ihr doch! Weil ihr in die Elite dieser Gesellschaft wollt. Weil ihr was Besseres werden wollt als Schuhverkäufer oder Fliesenleger. Weil man sonst ganz andere Jobs machen muß, als sie ein Diplom-irgendwas und ein Magister-sowieso bekommt. Weil man selbst als arbeitsloser Akademiker noch ganz anders dasteht als ein arbeitsloser Maurer.
Das ist einerseits verständlich. Wer in unserer freien Marktwirtschaft nicht das Glück hatte, als Kind reicher Eltern geboren zu werden, für den gibt es immerhin diese Chance, um "was zu werden": Abitur, studieren und mit dem selbst dann noch nötigen Glück auf einen einigermaßen gut bezahlten Job in den höheren Etagen der gesellschaftlichen Hierarchie kommen.
Andererseits ist es gar nicht verständlich, daß die Studenten diese Sortierung der Menschheit, die mit diesem Bildungswesen vorgenommen vorgenommen wird, für das normalste von der Welt halten, und sich ein ziemlich beschönigendes Bild sowohl von dieser Hierarchie als auch von ihrer Stellung darin zulegen. Wenn man selber studieren will, um nicht Bäckereifachverkäuferin werden zu müssen, kommt man nämlich um die Erklärung, warum gleichzeitig so viele Mädels eine Karriere als Bäckereifachverkäuferin anstreben, nicht herum.
Und diese Erklärung haben sich die meisten Studenten durchaus zurechtgelegt - bloß wie! Entweder: Die sind halt dümmer, oder höflich: Mehr praktisch begabt. Oder: Sie sind halt Loser, die die Härten der Konkurrenz nicht so durchschauen und annehmen, es mangelt ihnen an so was wie "Durchsetzungsfähigkeit". Auf jeden Fall: Es liegt an jedem selbst, ob er es zu was bringt, ob er studiert oder sein Leben lang frische Brötchen über die Ladentheke schiebt.
Von diesem selbstverständlichen Ausgangspunkt aus werden sozial engagierte Studenten dann wieder enorm kritisch: Bei der Einführung von Studiengebühren fällt ihnen auf, daß dabei die "soziale Selektion" überhand nehmen könnte. Gerade in dieser Kritik stellen sie sich vollkommen unkritisch und enorm konstruktiv zur Selektion Selektion als solcher, die vermittelst "der Bildung" vollzogen wird. Der ganze Einwand gegen die Gebühren liegt in der Frage, ob der Vollzug der Selektion dann auch wirklich noch gerecht, ohne Ansehen der Person und ihrer sozialen Herkunft vor sich geht: Chancengleichheit heißt das Stichwort.
Daraus folgt: Wenn diese Gleichheit denn gewährleistet wäre, wenn es auch mehr Arbeiterkinder an die Uni schaffen könnten, wenn nur die Leistung zählen würde und nicht auch die Herkunft, wenn also wirklich richtig gerecht ausgesiebt würde, dann hätte sich die Verteilung der Leute auf "oben" und "unten", auf "Elite" und "Masse", deren Bestehen ja in Wirklichkeit schon vorher festgestanden hat, quasi als Folge aus der unterschiedlichen Wahrnehmung von Bildungschancen ergeben. Und deshalb gäbe es nichts mehr daran auszusetzen: Jeder steht an seinem Platz, wo einer steht, hat seinen Grund in ihm selbst, in seiner Begabung.
Das ist ein durchaus rassistischer Gedanke: Die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft wird aus seiner Natur, seiner "Leistungsfähigkeit" abgeleitet.
Und dieser Rassismus ist völlig haltlos: Die Stellung, die einer einnimmt in der Gesellschaft, folgt ja gar nicht aus seiner Leistung, sondern allenfalls aus seiner Leistung gemessen an der aller anderen, sie ist ein Konkurrenzergebnis. Wer sich bemüht, kann nur dann vorankommen, wenn er sich mehr bemüht als alle anderen. Bemühen die sich auch mehr, hat er nichts erreicht. Es geht nicht einfach um Leistung, sondern das Bildungswesen veranstaltet einen Vergleich, wer bestimmte, einigermaßen willkürlich ausgewählte (Prüfungen!) Leistungsanforderungen in einer bestimmten Zeit besser erbringt, und zwingt die Lernenden, sich in diesem Wettbewerb wechselseitig auszustechen.
Soviel zum wirklichen Inhalt der "Chancengleichheit", soviel dazu, worauf man sich beruft, wenn man ausgerechnet an der "sozialen" Selektion Kritik übt: Auf einen elitären Begabungs-Rassismus.

Zum Weiterlesen: "Die Jobs der Elite", zu finden hier:
http://www.gegenstandpunkt.com/vlg/jobs/1startj.htm

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