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Sozialministerin Schmidt würzte ihre Ausführungen zur Rentenreform mit einer kleinen Schummelei. Die Verlagerung der Auszahlung der ersten Rente an das Monatsende tue "niemandem weh", behauptete sie bei der ersten Beratung der Rentenreform im Bundestag am 12. Dezember (SZ, 13.12.03). 750 Millionen Euro lassen sich einsparen, wenn die Erstrentner auf einen Monat Rente verzichten. Und das sei immerhin besser, als die Rentenbeiträge um 0,1 Prozentpunkte anzuheben. In diesem Punkte sind sich Regierung und Opposition einig. Aber die Union ist trotzdem gegen die Verschiebung der Rentenauszahlung. Sie hält nichts von Flickschusterei, sie will es noch deftiger. Die FDP hingegen ist dafür.
Demographie
Die Rentner kommen dem Sozialstaat zu teuer zu stehen. Das weiß heutzutage
jedes Kind und das entsprechende Bild wird gleich mitgeliefert: In Zukunft
wird ein arbeitsfähiges Mitglied unserer Gesellschaft zwei untätige
Alte durchfüttern - und da wird es irgendwann mal ganz knapp. Dabei stützen
sich die Propagandisten des Staates auf eine Binsenwahrheit aller menschlicher
Gesellschaften: Kinder und alte Menschen werden von denjenigen unterhalten,
die die Güter der Gesellschaft produzieren.
Nur sieht das in unserer Gesellschaft etwas anders aus, als uns die Agitatoren
vormachen wollen.
1. herrscht kein Mangel an Gütern vor, um eine Vielzahl untätiger
Bürger zu ernähren. Autohalden, Milchseen und Butterberge sind Bilder
des Überflusses in unserer Gesellschaft.
2. Abgeordnete, Pfaffen, Juristen, Lehrer, Professoren, Unternehmer, Maler,
Mimen, Musikanten, Polizisten und alle übrigen Beamten tragen nichts
bei zur Steigerung des Güterüberflusses, sondern leben recht gut
davon.
3. Heutzutage ist die Arbeit eines Lohnarbeiters derart produktiv, dass ihre
Früchte ein halbes Altenheim finanzieren könnten.
Aber uns wird weisgemacht, demnächst seien die Renten nicht mehr finanzierbar.
Lohnarbeit und Rente
Und das hängt zusammen mit der besonderen Art der Finanzierung der Rente.
Nicht aus dem gesamten produktiven Vermögen der Gesellschaft werden die
ausgemusterten Lohnarbeiter finanziert, sondern aus einem Anteil der Lohnsumme,
die von allen Lohnarbeitern erwirtschaftet wird. Die nationale Lohnsumme wird
also derart gestreckt, dass sie für kranke, arbeitslose und ausgemusterte
Arbeitskräfte reichen muss. Was für den Einzelnen nicht möglich
ist, nämlich mit seinem Lohn für alle Risiken des Lohnarbeiterdaseins
vorzusorgen, dieses Kunststück schafft der Staat mit der Einrichtung
der Sozialversicherungen.
Weil die Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft immer produktiver wird,
d.h. immer weniger Lohnarbeiter schaffen einen immer größeren Reichtum,
kann auf einen Teil der nationalen Arbeitskraft verzichtet werden. Daher vermindert
sich die Gesamtlohnsumme, von der die Sozialversicherungen finanziert werden.
Die Kosten für die Finanzierung der überflüssigen Arbeitskraft
dagegen steigen an. Der Staat macht in dieser Situation seinen Klassenstandpunkt
deutlich. Er sagt nicht einfach, wenn die Einnahmen sinken, müssen eben
die Beiträge erhöht werden, sondern betrachtet seine Maßnahmen
immer unter dem Blickwinkel, ob sie der Förderung des Kapitalstandortes
Deutschland dienen. Kontraproduktiv wäre nun die Erhöhung der Beiträge
zu den Versicherungen, weil durch die anteilige Finanzierung durch den Unternehmer
(Lohnnebenkosten) der Faktor Arbeit verteuert wird und die Investitionslaune
im Inland - und so auch die Schaffung von Arbeitsplätzen - erheblich
gebremst wird. Ideologisch wird der Sachverhalt so verkauft, dass die üppigen
Leistungen des bisherigen Sozialstaates eine Gefahr für den Erhalt des
Sozialstaates darstellen und darum eine Reform unumgänglich ist. Einerseits
wird hier der Zweck der anstehenden Reform deutlich, nämlich die Gewinnmargen
der Unternehmen durch Verbilligung der Arbeitskraft zu erhöhen, andererseits
liegen die Folgen für die lohnabhängig Beschäftigten wie auch
für die aussortierte Menschheit klar auf der Hand: Leistungskürzungen
und Umverteilung der Kosten zu deren Lasten.
Rentenreform
Bis zum Jahre 2030 soll das Rentenniveau von heute 48 Prozent des Bruttolohnes
auf 40 Prozent sinken. Zum Ausgleich dürfen per Riesterrente die Versicherten
einen Teil ihres Einkommens für die Alterssicherung in den Kapitalkreislauf
werfen und auf eine günstige Verzinsung hoffen.
Damit in Zukunft jede Finanzierungslücke in der Rentenversicherung ausgeschlossen
werden kann, die der Staat per gesetzlichen Auftrags ausfüllen muss,
soll ein "Nachhaltigkeitsfaktor" in die "Rentenformel"
eingefügt werden. So ist sichergestellt, dass die geringeren Einnahmen
der Rentenversicherer direkt sich als Rentenkürzung bemerkbar machen.
Das Eintrittsalter in die Rente soll erhöht werden. Die Lohnarbeiter
werden dadurch zwar nicht im Alter arbeitsfähiger, aber die Abschläge
wegen frühzeitigen Eintritts in den Ruhestand werden halt höher,
oder man muss sich in der Zeit bis zum Bezug der Rente mit dem Arbeitslosengeld
II (=Sozialhilfe) durchschlagen.
Die Rentner übernehmen den bisher vom Versicherer übernommenen Anteil
an der Pflegeversicherung. Das erfordert das Primat der Gerechtigkeit, schließlich
übernimmt der Arbeitsmann durch die Streichung eines Feiertags auch eine
unzumutbare Belastung des Arbeitgebers.
Selbst die Akademiker müssen bluten. Die anerkannten Studienzeiten, die
schon vor Jahren gekürzt wurden, fallen nun ganz weg.
Bis zum Jahre 2040 wird die gesamte Rente besteuert. Dafür wird schrittweise
der Eigenanteil an der Rentenversicherung von der Steuerzahlung freigestellt.
Gut gerechnet!
Alle Maßnahmen haben das ausdrückliche Ziel, den Beitrag zur Rentenversicherung
nicht über 22 Prozent steigen zu lassen. Nutznießer der Festschreibung
sind diejenigen, die durch ihre Rechnungsweise das Defizit in den Sozialkassen
verursacht haben. Durch massive Lohnsenkungen - die Ausweitung der 400-Euro-Jobs
hat einen flächendeckenden Niedriglohnsektor produziert - Massenentlassungen
und Intensivierung der Arbeit ist die nationale Lohnsumme geschrumpft, hingegen
sind die Gewinne der Unternehmen gestiegen. Der Staat nimmt durch seine gesetzgeberischen
Eingriffe unmittelbar Partei für das Interesse des Kapitals und stellt
sich offen in den Gegensatz zu den Interessen der arbeitenden Bevölkerung.
Alles Betteln und auch kreative Widerstandsformen sind zum Scheitern verurteilt,
wenn der Protest nicht in eine Gegenerpressung von Seiten der Opfer des Sozialstaates
mündet. Eine effektive Gegnerschaft kann nur von Seiten einer Arbeiterbewegung
ausgehen, die durch Arbeitsverweigerung die Kalkulationen des Kapitals durcheinander
bringen kann.
Ein Blick über die Grenze
In Rom demonstrierten am 6. Dezember über eine Millionen vorwiegend junge Menschen gegen die Rentenpolitik Berlusconis. Dieser will nach dem Vorbild Deutschlands, Frankreichs und Österreichs durch Verlängerung der Lebensarbeitszeit das Rentensystem vor dem Zusammenbruch retten. (SZ, 8.12.) Flankiert werden die Proteste gegen das Regierungsvorhaben durch eintägige Generalstreiks. Trotzdem erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Fini, die Regierung werde dem Druck der Straße nicht nachgeben. Und dem ist Glauben zu schenken. 1994 trat die Regierung Berlusconi nach einer Eine-Millionen-Demo zurück. Heute sind die europäischen Regierungen fest entschlossen, ihr Vorhaben, die Wirtschaft international konkurrenzfähig zu machen durch niedrige Löhne und Abgaben, gegen jeden Widerstand durchzusetzen. Eine entsprechende Entschlossenheit wäre von der Gegenseite wünschenswert.