![]()
1. Bestandsaufnahme
Das Renteneintrittsalter wird erhöht; voraussichtlich wird in den nächsten
30 Jahren die Rente um ca. 20 % gekürzt. Durch die Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden die bisherigen Arbeitslosenhilfe-Empfänger
auf Sozialhilfe-Niveau gebracht. Zahnersatz und Krankengeld werden neben Sterbegeld
und anderen Zahlungen aus dem Leistungsangebot der Krankenkasse gestrichen.
Erhöhte Zuzahlungen bei Medikamenten und Eintrittsgelder beim Hausarzt
sind angesagt.
Die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld wird gekürzt und gleichzeitig den
Arbeitslosen Feuer unter dem Hintern gemacht. Wenn sie eine ihnen angebotene
Stelle nicht annehmen, droht Kürzung und Streichung der Unterstützung.
Für Arbeits- und Sozialhilfeempfänger ist das Bankgeheimnis praktisch
aufgehoben. Die Banken geben Informationen über Freistellungsaufträge
direkt weiter an das Bundesamt für Finanzen, das dann umgehend die zuständigen
Arbeitsämter informiert. Bei unzureichenden Angaben der Betroffenen kann
die Unterstützung komplett gestrichen werden.
2. Sozialstaat
Bislang genoss der bundesdeutsche Sozialstaat bei fast allen Untertanen höchste Wertschätzung. Ihm wurde es angerechnet, dass er diejenigen, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten, nicht einfach verhungern ließ bzw. eine Existenz auf der Straße zuwies. Dabei stellt sich kaum jemand die Frage, weshalb in unserer Gesellschaft dauernd massenhaft Elendsgestalten anfallen, die dann staatlicherseits im "sozialen Netz aufgefangen" werden müssen. Auch kritische Bemerkungen zum Mittel der Subsistenz, der Lohnarbeit, gibt es selten. Wer auf Arbeit als Mittel zum Überleben angewiesen ist, muss jederzeit damit rechnen, durch "Freisetzung" von derselben in die Katastrophe hineinzurutschen, die dann vom Staat "abgefedert" wird. Kritik an den Produktionsverhältnissen, die ständig Notfälle produzieren, wird als realitätsfern oder linkes Geschwätz abgeschmettert. Schließlich habe die Globalisierung uns alle fest im Griff und freiheitsraubende sozialistische Verhältnisse wolle auch niemand.
3. Die Notwendigkeit der Umgestaltung des Sozialstaates
Das Einkommen des Lohnarbeiters ist in der Regel zu niedrig, um für
alle existenziellen Notfälle des proletarischen Daseins vorzusorgen.
Deshalb hat der Staat für die Bezieher niedriger Einkommen die Zwangsversicherungen
gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter eingeführt: Von der nationalen
Lohnsumme wird, bevor der Arbeitnehmer je einen Cent davon zu Gesicht bekommen
hat, ein Teil abgezogen und den Versicherungen zugeführt. So haftet die
Gesamtheit der Lohnarbeiter für die Notlagen eines Teils ihrer Mannschaft,
die ihr von der Gegenseite, den Unternehmern, eingebrockt werden. Der Hinweis,
dass auch die Arbeitgeber einen Teil der Versicherungsbeiträge übernehmen,
ist hier Fehl am Platze. Das Kapital behandelt diese Kosten als Teil seiner
Ausgaben für die Arbeitskraft und nennt sie treffend "Lohnnebenkosten",
die entsprechend des ausgezahlten Lohns natürlich auch immer zu hoch
sind.
Nun hat sich in den letzten Jahrzehnten die Produktivität der Unternehmen
beständig erhöht. Mit immer weniger Arbeitskräften wird immer
mehr Profit erwirtschaftet. Für den einen Teil der Lohnarbeiter bedeutet
dies, dass die Arbeitsintensität immer höher wurde. Für den
anderen Teil war Arbeitslosigkeit die Konsequenz. Die Folgen sind bekannt:
Immer weniger in Lohn und Brot stehende Arbeitskräfte müssen nach
sozialstaatlichem Prinzip immer mehr Menschen versorgen, die von den Arbeitgebern
überflüssig gemacht wurden.
Das zwingt dem Sozialstaat Handlungsbedarf auf. Die bisherige Tour, scheibchenweise
Leistungen zu streichen und die Prozentsätze der Versicherungsbeiträge
zu erhöhen, ist nach Ansicht des Staates so nicht weiter zu fahren. Einerseits
belasten die erhöhten Beiträge nicht nur den Arbeitnehmer, sondern
auch den Arbeitgeber. Das darf nicht sein. Deutschlands Wirtschaft muss, um
weltweit konkurrenzfähig zu sein, billig produzieren - und da passen
erhöhte Lohnkosten einfach nicht ins Konzept. Andererseits entsteht der
Verdacht, durch Sozialleistungen würde Nichtarbeit alimentiert.
Ein radikaler Umbau des Sozialstaates ist also vonnöten.
4. Der Umbau des Sozialstaates
So wie bisher geht es nicht weiter. Regierung und Opposition sind sich da
einig. Und zunächst wird der Sozialstaat anders definiert. Der Begriff
"sozial" erhält eine neue Deutung. Wurde bislang darunter verstanden,
jedem Menschen, auch in größter Not, werde ein - wenn auch bescheidenes
- Auskommen verschafft, so heißt es heute, dass man seinen Pflichten
gegenüber der Gesellschaft nachzukommen habe. Der Spieß wird umgedreht.
Arbeitslose, Kranke und Alte sind nicht mehr die zu "pflegenden"
Sozialfälle der Gesellschaft, sondern haben sich als "Belastung"
zu verstehen.
Die Resultate des kapitalistischen Wirtschaftens werden ideologisch und praktisch
gegen ihre Opfer in Stellung gebracht.
Wer sich in seinem Betrieb krank meldet, unterliegt grundsätzlich dem
Verdacht, er mache sich auf Kosten des Arbeitgebers einen schönen Tag.
Der Nachweis erfolgt umgehend. So niedrig wie bisher sei der Krankenstand
in den Betrieben noch nie gewesen. Dass Arbeitnehmer ihre Gesundheit zusätzlich
ruinieren, wenn sie sich unter dem Eindruck einer drohenden Kündigung
krank zur Arbeit schleppen, wird nicht ignoriert. Es gehört halt zum
Arbeiterdasein, dass Knochen und Weichteile zu nichts anderem dazusein haben,
als funktional zur Profitproduktion verwendet zu werden.
Die alten Menschen weisen einen doppelten Mangel auf. Sie leben auf Kosten
der arbeitsfähigen Bevölkerung und haben zusätzlich die Stirn,
ihr schmarotzerhaftes Dasein immer weiter zu verlängern. Ein junger Wilder
aus den Reihen der CDU hat das vor kurzem deutlich benannt. Der Christdemokrat
wurde sofort von den Parteioberen zur Ordnung gerufen. Schließlich hat
man als demokratischer Politiker die Opfer der eigenen Politik würdevoll
zu behandeln, will man deren Zustimmung zu den einschneidenden Maßnahmen
einholen.
Arbeitslosigkeit verträgt sich schon gar nicht mit der Daseinsbestimmung
des Proleten. Geld fürs Nichtstun kassieren ist ein Verbrechen an der
Gesellschaft und an der eigenen Person. Olaf Scholz (SPD) drückt das
in seinen "13 Thesen für die Umgestaltung des Sozialstaates und
die Zukunft sozialdemokratischer Politik" so aus (dokumentiert in der
FR vom 7.8.03): "Weder unter ökonomischen noch unter gerechtigkeitspolitischen
Gesichtspunkten können wir es zukünftig noch hinnehmen, dass Einzelne,
Familien oder ganze soziale Gruppen systematisch in die Lage geraten (und
in der Lage verharren), ihre Potenziale nicht ausschöpfen zu können."
Was Scholz unter "Potenziale ausschöpfen" versteht, erklärt
er im Folgenden: "Natürlich ist jedem Menschen zu wünschen,
dass er eine Arbeit ausüben kann, die seiner Qualifikation entspricht.
Zugleich aber muss als Gebot der Gerechtigkeit gelten, dass Arbeitslose, die
Leistungen aus Steuermitteln in Anspruch nehmen, prinzipiell zur Aufnahme
jeder Erwerbstätigkeit bereit sein müssen, die ihnen für andere
Bürger und Bürgerinnen zumutbar erscheint. Aus einem spezifischen
individuellen Qualifikationsniveau lässt sich kein Recht auf eine bestimmte
Arbeit ableiten." (ebd.)
Dass Arbeit in irgendeiner Weise seinen Mann oder seine Frau vernünftig
ernähren soll, erfährt man bei Scholz nicht.
Scholz ist ein ehrlicher Mann. Ihm missfällt die Diskrepanz zwischen
den ideologischen Sonntagsreden der Partei und der praktischen Politik. Das
hat ihm einigen Ärger innerhalb und außerhalb der Partei eingebracht.
5. Die Opposition der Gewerkschaft
Das ökonomisch erfolgreiche Handeln des Kapitals führt also notwendig
- sozialstaatlich betreut - zur Verarmung der Gesamtheit der Lohnarbeitermannschaft.
Als einziges Mittel, sich dagegen zu wehren, steht dem Arbeitnehmer die Arbeitsverweigerung
zur Verfügung, um gegen die Anforderungen des Kapitals und der Politik,
dem Klassenkampf von oben, eine Gegenerpressung auszuüben. Nur so sind
sie in der Lage, kurzfristig die staatlich verordneten Einbußen wieder
wett zu machen. Organisiertes, kollektives Handeln der Lohnarbeiter, das ausdrücklich
gegen das Unternehmerinteresse ausgerichtet ist und zwangsläufig die
Zustimmung von Politik und Öffentlichkeit vermissen lässt, ist Klassenkampf
von unten.
Mit ihrem Streik um die 35-Stunden-Woche im Osten der Republik hat die IG-Metall
versucht, ihre Rolle als Vertreter der Arbeitnehmerschaft ins Gespräch
zu bringen. Dabei hat sie sich als Streik-Thema nicht etwa eine saftige Lohnerhöhung,
sondern eine fast unangreifbare Forderung nach Angleichung der Arbeitsverhältnisse
in Ost und West ausgesucht. Ein nationales Anliegen, das, so glaubten die
Gewerkschafter, wohl kaum jemand ablehnen könne, zumal selbst die Arbeitgeber
vor knapp einem Jahr angedeutet hatten, dass sie diesen Überlegungen
nicht abgeneigt gegenüberstünden.
Und nun kam alles anders als gedacht. Die Arbeitgeber stellten sich stur und
ließen sich selbst zu Verahndlungen nicht überreden. Vielmehr meinten
sie, eine Verlängerung der Arbeitszeit passe doch eher in die neue Zeit.
Das ließ sich die Gewerkschaft zunächst nicht gefallen und rief
zu Streiks aus. Und - entgegen aller Erwartungen - erzielte der Streik auch
Wirkungen: Das eine oder andere Rad stand still und selbst in den westlichen
Bundesländern mussten einige Betriebe ihre Produktion einschränken,
weil die nötige Zulieferung aus dem Osten stoppte.
Sofort hatte die Gewerkschaft die öffentliche Meinung, die Politik und
die Betriebsräte aus den betroffenen Betrieben gegen sich. Erschrocken
von der Wirkung ihres Tuns wurde der Streik beendet und innerhalb der Gewerkschaft
begann ein Selbstklärungsprozess. Der ostdeutsche IG-Metall-Bezirksleiter
Hasso Düvel als Hauptverantwortlicher für den Streik wird zurücktreten,
und der DGB-Vorsitzende Sommer übte Selbstkritik: "Richtig ist:
Wir haben Fehler gemacht. Bei vielen Menschen galten die Gewerkschafter bisher
als Blockierer" (FR. 11.8.03) und kündigte an, "wieder zu einem
differenzierten Politikstil zurückzukehren." (ebd.)
Der DGB begreift sich nicht als klassenkämpferische Vertretung der Interessen
der Arbeiterklasse, sondern als anerkannter Sozialpartner, der mit Staat und
Unternehmerschaft Kompromisse im Sinne der Arbeitnehmerschaft aushandelt.
Anerkannt sind die Gewerkschaften nicht auf Grund ihrer potenziellen Kampfkraft,
sondern wegen ihres Nutzens für das Kapitalwachstum in Deutschland. Stefan
Reker lobt am 5. 8.03 in der Rheinischen Post die Gewerkschaften: "Diese
Konsens-Orientierung hat dazu geführt, dass Deutschland auf den hinteren
Plätzen liegt, wenn es um die Belastung durch Streiks geht ..."
Für Deutschland hat sich die Gewerkschaft also historische Verdienste
erworben. Aber wie soll es in Zukunft weitergehen? Frau Dr. Anke Hassel aus
dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit weiß Rat: "Je
länger sich die Gewerkschaften dem Dialog über Reformen in der Sozialpolitik
verweigern, desto mehr setzen sie mittlerweile auch ihre Reputation als tragende
Säule des deutschen Sozialmodells aufs Spiel." (FR, 7.8.03)
Die IG-Bau hat die Zeichen der Zeit begriffen. Selbst für die Süddeutsche
Zeitung vom 9.8.03 überraschend, stimmte sie einer massiven Kürzung
des Jahreslohns ihrer Klientel zu. Das Weihnachtsgeld wird um knapp 30 % vermindert,
über die Hälfte des Rests geht in den Aufbau einer privaten Altersvorsorge
und der Restbetrag wird in den nächsten zwei Jahren nur zur Hälfte
ausgezahlt.
So haben sich die Gewerkschafter das Recht erkauft, im nächsten Jahr
wieder mit den Bauunternehmern verhandeln zu dürfen.
Die Gewerkschaften dürfen also auch in Zukunft mitmischen, wenn sie versprechen,
jeder Schweinerei zuzustimmen. Dabei können sie sich erlauben, dazu auch
mal ein paar kritische Bemerkungen zu verlautbaren, solange sie nicht das
Kapitalwachstum in irgendeiner Weise stören.