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Christian Ströbele, der Vorzeige-Linke bei den Grünen, will die Vermögenssteuer wieder einführen. (Interview in der taz 7.11.03)
"Ich persönlich leide schon lange darunter, dass einerseits Renten
und Arbeitslosenhilfe gekürzt werden und anderseits die privaten Vermögen
in nur sieben Jahren um über eine Billion Euro gewachsen sind. Das ist
sozial ungerecht." Lässt er sich da vernehmen.
Und fährt fort: "Der Grund für die Einschnitte ist ja, dass
einfach das Geld nicht mehr da ist (?) - wegen der schlechten Konjunktur.
Wenn aber die öffentlichen Kassen leer sind, dann müssen wir alles
tun, auch die zu belasten, die Geld haben - um den ärmeren Leuten nicht
noch weitere Kürzungen zuzumuten."
Dazu einige Anmerkungen.
Ad 1) zur Konjunktur
Um dieselbe anzukurbeln, sollen ja gerade die Verwertungsbedingungen fürs
Kapital verbessert werden, u.a. durch Lohnsenkungsmaßnahmen, wozu die
sog. Lohnnebenkosten gehören. Das bedeutet faktische Verschlechterung
der Lebenslage der lohn- und gehaltsabhängigen Massen samt ihrer Familien.
Ad 2) Nur eine Seite kann gemolken werden
Dieses Ziel - Verbesserung der Konjunktur - darf natürlich nicht konterkariert
werden durch Wegsteuerung der erzielten Gewinne.
Ströbele beugt vor, damit ja nicht die grünen Wählerschichten
verprellt werden, und möchte bei seinem Vorschlag eine Befreiung aller
Vermögen (pro Person 200.000 Euro/Erw. + 50.000 Euro/Kind). Ströbele:
"Es handelt sich hier also um eine Millionärssteuer. So könnten
wir knapp 16 Mrd. Euro erzielen."
Wenn der Staat also so ein hübsches Sümmchen einstreicht, denkt
Ströbele, könne doch etwas herausspringen für die Armen? Nein,
so denkt er gar nicht, sondern (siehe oben) - man muss den "ärmeren
Leuten nicht noch weitere Kürzungen zu(...)muten. Denn ihm ist schon
klar, dass die Steuermehreinnahmen nie und nimmer den Armen zugute kommen.
Bei den z.Zt. gehandelten Mindereinnahmen des Staates in 2003 und 2004 in
Höhe von 19,1 Mrd. Euro würde die von ihm geforderte Millionärssteuer
wohl eher für die Entschuldung herangezogen. Oder das Geld wird für
weitere imperialistische Abenteuer und andere Projekte genommen. Alles andere
anzunehmen ist Beschönigung der Verhältnisse. Ströbele bezieht
sich übrigens besonders auf die 100.000-Leute-Demo vom 1.11. in Berlin:
"Die Menschen fordern vehement diese Steuer. Nicht nur die 100.000, die
am Wochenende in Berlin gegen die Sozialkürzungen demonstriert haben."
Inzwischen sind auch die anderen Regierungsgrünen auf den Zug aufgesprungen
und finden die Idee von Ströbele ganz praktisch: Der Ströbele-Vorstoß
könnte so zusammen mit Vorschlägen zur Erbschaftssteuer und zur
Bekämpfung von Steuerflucht auf dem bevorstehenden Parteitag dazu dienen,
die Parteibasis zu besänftigen und den Unmut über die Agenda 2010
zu dämpfen. Die Differenzen zu den als "stramm" real-politisch
orientierten Grünen verschwimmen zunehmend. So heißt es in einem
Brief der grünen Länderchefs zu den Agenda-2010-Kritikern um Ströbele:
"Wir freuen uns auf eine konstruktive Zusammenarbeit." (FR 11.11.03)
Daraus folgt: Die Lohn- und Gehaltsempfänger müssen schon selbst
gegen die Lohn- und Gehaltssenkungen kämpfen, um die Verschlechterung
ihrer Lebenslage zu verhindern. Alles andere soll nicht ihre Sorge sein.
HPJ