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Alle paar Monate treffen sich seit einigen Jahren Tausende von Globalisierungskritikern,
Umweltschützern und andere Gegner von Krieg, Unterdrückung und anderer
Unannehmlichkeiten des täglichen Lebens in den Metropolen dieser Erde.
Da die Herrschaften über Kapital, Krieg und Frieden und die Mehrheit
der Völker dieser Erde sich immer öfter zu ihren Konferenzen in
entlegene Gegenden verziehen müssen, folgen ihnen die Kritiker auch dorthin.
Manchmal veranstalten sie auch unabhängig von der Planung der Mächtigen
ihre eigenen Treffen wie jüngst in Florenz beim Europäischen Sozialforum.
Auf diesen Meetings tauschen sie ihre Erfahrungen, Theorien und Gegenstrategien
aus, was von den bürgerlichen Medien kurz vor und nach den Ereignissen
dankbar aufgenommen wird, danach aber ebenso schnell wieder in der Versenkung
verschwindet. Fast ritualmäßig werden vor solchen Großereignissen
das "Chaos" und "gewalttätige Horden" herbeifantasiert,
um sich im Nachhinein über die "Weltfremdheit" der Akteure
lustig zu machen.
Gerade in Deutschland hat man wenig übrig für spektakuläre
Protestaktionen und ihre Aktivisten, die nicht gleichzeitig ihre Übereinstimmung
mit dem herrschenden Wirtschaftssystem und seinem Staat bekräftigen,
Nun beginnt auch innerhalb der Antiglobalisierer ein Differenzierungsprozess
zu reifen. Es geht wie immer um die grundlegende Frage: Reform oder Revolution
oder etwas weniger pathetisch: Mitmachen als kritische Teilnahme oder Wege
zu suchen, die mit dem System von Ausbeutung, Imperialismus und Krieg grundsätzlich
brechen wollen.
Inzwischen haben auch kommunistische Gruppen verschiedener Länder, z.
T. misstrauisch beäugt von ihren Führungen, sich in die Debatten
eingemischt oder sich Gruppen wie z. B. die italienische Gruppe der "Disobbedienti"(Ungehorsame)
durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam gemacht.
Das ruft erwartungsgemäß auch Leute auf den Plan, die den Ablösungsprozess
größerer Teile der Protestierer verhindern wollen, um sie wieder
auf "den rechten Pfad der Tugend" zurückzuführen.
So konnte sich kürzlich in der taz vom 11.11. ein Francois De Bernard
unter der Schlagzeile "Politik statt Schlagwörter" in einem
Essay ausbreiten.
Unter dem Vorwand, den Begriff der Antiglobalisierung als untauglich zu denunzieren,
ging er sogar so weit, den im Juli 2001 in Genua getöteten Demonstranten
als Opfer eines falschen Begriffs darzustellen: " Schließlich ist
die Kategorie ‚Antiglobalisierung' tödlich, weil ihre imaginäre
Gewalt reelle Folgen erzeugt, die über Erwartungen und normative Kontrollmechanismen
hinausgehen. Das konnte man im Juli 2001 in Genua auf emblematische Art und
Weise feststellen, wo ein als ‚Antiglobalisierer' kategorisierter jugendlicher
Demonstrant zum Feind der Gesellschaft, zum Straffälligen, zum Terroristen
wurde."(taz 11.11.02)
De Bernard unterstellt - vom wirklichen Tatgeschehen und der Person des Toten
abgesehen - den Antiglobalisierern "eigentlich" nur Detailkritik
zu haben: "Diejenigen, die unter der Parole Antiglobalisierung gegen
sie protestieren, haben meist sehr konkrete Kritik und sprechen sich selten
gegen Globalisierung an sich aus..."(ebda). Er mag ja Recht damit haben,
dass bei der Mehrheit der Teilnehmer solcher Foren und Demos große Unklarheiten
über Ziele, Wege und Mittel eines gewünschten Bruchs mit dem Weltsystem
des Kapitals bestehen, aber De Bernard will etwas anderes: verhinder, dass
solch ein grundsätzlicher Bruch überhaupt angedacht wird. In einem
wahren Wortschwall spitzt sich sein Aufruf zu, doch bitte von der Antiglobalisierung
Abstand zu nehmen, denn "'Antiglobalisiserung' kann uns nur von dem entfernen,
dem wir uns annähern müssen. Wahre (?) Konzepte wären: Alternative,
Währungscode, Kommunitarismus, Kosmopolitismus, Würde, Dominierung,
Emanzipation, Gerechtigkeit, Zersplitterung, Interkulturalität, Gedächtnis,
Migrationen, Wissensteilhabe, Regulierung, Solidarität und Antitotalitarismus."
Die ganze Spielwiese also....
Auch in der Provinz tobt der Kampf...
Und das Ganze nun noch einmal auf die lokale Ebene gebracht zu haben, ist
das Verdienst eines Neusser Pfarrers, Dr. Jörg Hübner.
Jahrelang ist er in der örtlichen Agenda-21-Bewegung herumgeturnt, hat
dort seine Hilfe gefragt und ungefragt angeboten und musste das selbst oft
genug den Protest von Teilnehmern am Gebaren städtischer Beigeordneter
wieder besänftigen und in "ruhigere Fahrwasser" bringen. Das
heißt, dieser Mann weiß, wie beschwichtigt wird und man sich nach
allen Seiten offen hält.
Das Wirken unter seinen ihm anvertrauten Schäfchen war Jörg Hübner
aber nicht genug. Er strebte nach noch höheren Weihen im akademischen
Betrieb und hat sich mit einer Arbeit über die "Globalisierung -
Herausforderung für Theologie und Kirche" an der Bochumer Uni habilitiert.
Nun ist es nicht Neues, dass deutsche Pfaffen, speziell protestantische, sich
auf das Gebiet der Politik begeben. Nutzen sie doch hier ihr in jahrelanger
Ausbildung gelerntes Heranschmeißen an die "armen Seelen",
um diese ja unter ihres eingebildeten Gottes Fittiche zu bekommen und dort
auch festzuhalten. Und so übt Jörg Hübner auch ordentlich Kritik
an seinen eigenen Leuten, die in seinen Augen zu weit mit den Globalisierungsgegner
sympathisieren. In seiner Arbeit wettert er gegen die "Position der Gegenmacht
und Gegenwehr zur Globalisierung der Finanz- und Warenmärkte, wie sie
von der ökumenischen Bewegung eingenommen worden sei." (zit. nach
Neuß-Grevenbroicher Zeitung, Nov.02). Denn, und da ist Pfarrer Hübner
deutlich, worauf es ihm nämlich ankommt: "Ein solches Selbstverständnis
sei problematisch, mache es doch die Mitgestaltung (?) der Globalisierung
fast unmöglich."(ebda).
Da versetzt ihm seine und die Praxis seiner Mitstreiter in den Agenda-Gruppen
zwar ständig neue Nackenschläge des Misserfolgs - gerade wurde wieder
eine Agenda-21-Gruppe im Kreis Neuss dichtgemacht - mangels sichtbaren Erfolgs
- doch das ficht unseren wackeren Streiter nicht an. Im Gegenteil: er kniet
sich noch tiefer hinein in die "Verteidigung der besten aller Welten".
Ich stehe hier und kann nicht anders...
HPJ